Polen wird bald den hundertsten Jahrestag seiner wiedererlangten Unabhängigkeit feiern

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Von Sébastien Meuwissen, belgisch-polnischer Publizistikstudent beim IHECS.

Polen – Am kommenden 11. November 2018 wird Polen den hundertsten Jahrestag seiner wieder erlangten Unabhängigkeit feiern.

Der Unabhängigkeitsmarsch von Warschau ist jedes Jahr das größte patriotische Treffen in Europa. Bild: Radio Maryja

Der 11. November ist in Polen ein Feier- und Gedenktag. Seit einigen Wochen schon flattern die weiß-roten Fahnen stolz um die dem polnischen Volke so teure Freiheit zu feiern, von der es lange beraubt wurde. 1795 verschwand das einst mächtige Polen zugunsten seiner Nachbarn von der Landkarte. Von 1795 bis 1918 teilten sich Russland, Preußen und Österreich die Gesamtheit des polnischen Nationalgebiets.

Während dieser langen Zeit von 123 Jahren wurde das Land zum Gegenstand einer großangelegten Kampagne der Entpolonisierung. Über die Okkupation des Landes hinaus führten die russischen und deutschen Besatzer ebenfalls eine Politik der Vernichtung gegen das Polentum. Der bloße Gebrauch der polnischen Sprache in den besetzten Gebieten wurde in diesem Zusammenhang der Germanisierung (im Westen) und der Russifizierung (im Osten) schwer bestraft. Dies erklärt teilweise, dass die Polen an ihrer (nationalen, kulturellen, religiösen…) Identität hängen. Erst mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11. November 1918 tauchte Polen auf der Weltkarte wieder auf.

Man solle im Gedächtnis behalten, dass Polen eines der ältesten Länder Europas bleibt. Der polnische Staat wurde im Jahre 966 gegründet. Im Laufe des 17. Jahrhunderts stellte Polen eine der größten europäischen Mächte dar mit einem Staatsgebiet, das durchaus größer war als das heutige Frankreich – Das Königreich Polen-Litauen hatte eine Gesamtfläche von 815.000 km².

Ein verbaler Krieg, der zu weit gegangen ist

Alljährlich wird ein „Unabhängigkeitsmarsch“ am 11. November in der Hauptstadt Warschau organisiert. Dieser große Aufmarsch wird von mehreren patriotisch-konservativen Bewegungen organisiert, um den Jahrestag dieser „Wiedergeburt“ des Vaterlands zu feiern.

Die teilnehmenden Personen sind übrigens sehr unterschiedlich. Man findet dort ganze Familien, die aus der Provinz kommen. Familienmütter marschieren mit dem Kinderwagen neben Gruppen von Jugendlichen, die ebenfalls von älteren Menschen umgeben sind.

Der Unabhängigkeitsmarsch 2017 fand in einer respektvollen und gelassenen Stimmung bzw. weitgehend ohne Zwischenfälle statt. Die zahlreichen Rauchfackeln gaben den Straßen der Innenstadt eine Stimmung wie in einem Fußballstadion. Neben 60.000 Teilnehmern (lt. Polizei) bzw. 125.000 (lt. den Organisatoren) mischte sich eine Handvoll (zwischen 50 und 100) Extremisten in den Demonstrationszug hinein und trugen rassistische bzw. verhetzende Transparenten. Auf dem einen konnte man lesen: „Europa wird weiß oder unbewohnt sein“.

Ein Großteil der ausländischen Presse (CNN, BBC, Washington Post, New York Times, Der Spiegel, El Pais, Le Monde, Libération, Russia Today, Al Jazeera…) benutzte rasch die Gelegenheit um eine regelrechte Verleumdungskampagne zu starten gegen dieses Volkstreffen, gegen die Regierung, die dieses duldet (1), und darüber hinaus gegen das Land, wo dieses stattfindet.

Man hat zehntausende Menschen in einen Topf geworfen, ohne sich über irgendwelche Differenzierung Gedanken zu machen, wie man es doch inzwischen nach jedem Terroranschlag gewöhnt ist. Hier gab es keine Nuancen: Alle Teilnehmer wurden als Faschisten abgestempelt.

Faschisten“, „Fremdenhasser“, „Antisemiten“, „Islamophoben“, „Rassisten“, „Homophoben“… Beinahe hätte man geglaubt, es sei ein Wettbewerb um herauszufinden, wer das beleidigendste Wort benutzen würde, um diese Menschenwelle von friedlich marschierenden Polen zu bezeichnen, die die wiedererlangte Freiheit ihres Vaterlands feiern und ihre Liebe für dieses zu zeigen.

Der erste Preis in dieser Übung der Diffamierung geht zweifelsohne an den früheren belgischen Ministerpräsidenten Guy Verhofstadt. Der Vorsitzende der ALDE-Fraktion im Europaparlament hatte damals im Parlament selbst erklärt, dass „60.000 Faschisten am Samstag in Warschau aufmarschiert sind, Neonazis, weiße Suprematisten […] ca. 300 km von Auschwitz-Birkenau entfernt.

Es ist schwer zu glauben, dass ein erfahrener Politiker eine solche Absurdität sagen konnte. Dabei wird jedoch zweierlei beobachtet. Einerseits zeigt diese Erklärung die tiefe Unkenntnis von Herrn Verhofstadt über die Geschichte Polens bezüglich dessen geopolitischer Situation heute wie gestern. Andererseits bestätigt sie die Neigung zum (moralischen, ideologischen, kulturellen…) Überlegenheitskomplex von vielen Mitgliedern der „westlichen“ Elite (von der Verhofstadt einer der Anführer ist) gegenüber dem, was man abwertend „die osteuropäischen Länder“ nennt. Diese Einstellung macht jede kohärente Diskussion über die Streitpunkte zwischen „Alteuropa“ und dem später der EU beigetretenen Mitteleuropa praktisch unmöglich.

Klarstellung

Wenn Herr Verhofstadt ein Mindestmaß an Ehrlichkeit bzw. an Grundkenntnisse der Geschichte besitzen würde, wüste er, dass die Polen die erste europäische Nation waren, die ab 1939 gegen das nationalsozialistische Regime Adolf Hitlers Widerstand leistete und dafür einen hohen Preis zahlen musste. Er wüsste ebenfalls, dass die Deutschen 1944 Warschau geplündert und dem Erdboden gleichgemacht haben, bzw. dass Zehntausende von Zivilisten von Soldaten der Wehrmacht im Laufe des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden.

Von „polnischen Neonazis“ zu reden ist also mindestens intellektuell unehrlich und beleidigend, sei es bloß für die Familien der Opfer, die wegen des Faschismus gestorben sind, den Verhofstadt anzuprangern behauptet.

Der Gipfel der Perfidie dieser Aussage kann durch die Anwesenheit auf diesem Unabhängigkeitsmarsch von Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg illustriert werden, die selber gegen die echten Nazis gekämpft haben! Sowas Surrealistisches könnte aus dem Roman „1984“ von George Orwell stammen.

Über den polnischen Präsidenten Andrzej Duda, der sich über eine solche Aussage empört erklärte, konnten weitere Persönlichkeiten nicht schweigen. So erstattete eine polnische NGO Anzeige wegen Diffamierung gegen Guy Verhofstadt. „Wir sind mit solchen Anschuldigungen nicht einverstanden. […]“ erklärte in einem Kommuniqué Mira Wszelaka, die Vorsitzende der „polnischen Liga gegen Diffamierung“. „Ich habe an dem Marsch mit einer Gruppe von Sympathisanten der Liga teilgenommen. Ich bin weder Faschist noch Neonazi.“

In diesem Zusammenhang hat der polnische Schriftsteller nigerianischer Herkunft Bawer Aondo-Aka ebenfalls entschieden, den flämischen Politiker vor Gericht wegen Diffamierung zu zerren. „Ich werde nie akzeptieren, dass man uns so behandle,“ erklärte er in einer Sendung im polnischen Fernsehen. „Die paar Rassisten, die da waren, sind ein Tropfen im Ozean. Seit vier Jahren nehme ich an diesem Marsch teil. Ich bin ein patriotischer und konservativer Pole, daher ist es meine Pflicht, die Verbreitung von solchen Lügen gegen meine Heimat zu verhindern.“

Dr. Bawer Aondo-Aka umgeben von anderen Teilnehmern des Unabhängigkeitsmarschs am 11. November 2017. Bild: Jerzy Kwasniewski

2018 wird besonders sein

Der heurige Unabhängigkeitsmarsch könnte der größte sein, der je organisiert wurde. Die Organisatoren erwarten eine Rekordanzahl an Teilnehmer, die mehr als 100.000 sein sollten.

Mitglieder von identitären Bewegungen aus anderen europäischen Ländern – u.a. aus Ungarn und der Slowakei – sollten ebenfalls am 11. November dabei sein. Der Unabhängigkeitsmarsch von Warschau stellt ein wesentlicher Stelldichein dar, um die polnisch-ungarische Freundschaft zu feiern. Diese 1000jährige Freundschaft, die im heutigen sozialpolitischen Zusammenhang (2) weiterhin stärker wird, illustriert den wachsenden Einfluss der V4 (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn) auf der internationalen Szene.

Obwohl die große Mehrheit der Teilnehmer nichts besonders politisch ist, wird der Marsch eine wichtige symbolische Dimension haben. Über die Feier des hundertsten Jahrestags der wiedererlangten Unabhängigkeit Polens hinaus haben die Teilnehmer des Unabhängigkeitsmarschs mehrere deutliche politische Botschaften für Guy Verhofstadt, Frans Timmermans, Angela Merkel, Emmanuel Macron, Judith Sargentini und die anderen Besserwisser und Bewunderer des äußerst reichen und schädlichen Spekulanten George Soros.

Träger einer anderen Vision für Europa

Mit ihren Fahnen, ihren Rauchfackeln und ihren weiß-roten Schals verkörpern die Teilnehmer des großen Marschs Ideen, die von der Öffentlichkeit in Mitteleuropa geteilt werden:

  • dem Globalismus George Sorosʼ und der außereuropäischen bzw. meist illegalen daraus resultierenden Masseneinwanderung antworten sie mit dem Wunsch nach nationaler Souveränität und Kontrolle der Grenzen.
  • gegenüber der herrschenden politischen Korrektheit und der Phrasendrescherei, die die Debatten über Gesellschaftsfragen sterilisieren, weisen sie auf die Meinungsfreiheit und auf das freie Wort.
  • statt aufgezwungener Schuldgefühle proklamieren sie lautstark ihren Stolz, der polnischen Nation und darüber hinaus der europäischen Zivilisation zu gehören.
  • gegenüber der Normalisierung der Homosexualität, der LGBT-Propaganda, und den pseudo wissenschaftlichen Gendertheorien stellen sie sich da als Verteidiger des traditionellen Familienmodells und der christlichen Werte.
  • gegenüber der Islamisierung vieler Städte des Kontinents, die zur Spaltung der Gesellschaft in Westeuropa führt, weisen sie auf das Prinzip hin: „Mein Land, meine Regeln“. (3)
  • und schließlich gegenüber dem islamistischen Terror, der weiterhin sein Unwesen treibt, stellen sie sich da als Vertreter einer der sichersten Regionen in Europa.

Man kann hoffen, dass die ausländischen Medien neugierig genug sein werden, um über ihre eigenen Vorurteile hinauszugehen und über die Ereignisse des 11. November in Warschau etwas ausgewogener berichten werden.

Übersetzt von Visegrád Post.


(1) Der polnische Präsident Andrzej Duda betonte, dass er und seine Regierung jede Art von Verhetzung kategorisch verurteilen.

(2) Die Regierungen Ungarns und Polens werden beide von der EU bedroht, ihr Stimmrecht durch die Aktivierung des Artikels 7 des EU-Vertrags zu verlieren.

(3) Dieses Prinzip hat seine Wirksamkeit in Polen insofern gezeigt, dass es hier im Gegenteil zu vielen westeuropäischen Städten in den polnischen Großstädten keine „No-Go-Zonen“ gibt bzw. dass die in Polen lebenden Minderheiten perfekt integriert (Ukrainer, Weißrussen) bzw. assimiliert (Kaschuben) sind.

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