{"id":3896,"date":"2019-03-14T15:30:10","date_gmt":"2019-03-14T15:30:10","guid":{"rendered":"https:\/\/visegradpost.com\/?p=3896"},"modified":"2025-06-05T15:33:46","modified_gmt":"2025-06-05T14:33:46","slug":"der-ukrainische-nationalismus-und-dessen-daemonen-aus-der-vergangenheit-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/visegradpost.com\/de\/2019\/03\/14\/der-ukrainische-nationalismus-und-dessen-daemonen-aus-der-vergangenheit-2\/","title":{"rendered":"Der ukrainische Nationalismus und dessen D\u00e4monen aus der Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Polen \/ Ukraine<\/strong>\u00a0\u2013 Am 1. Januar 2019 marschierten mehrere Tausende Ukrainer auf den Stra\u00dfen von Kiew, Lemberg (<em>Lwow<\/em>) und Chmelnyzkyj (Westukraine) auf, um den 110. Jahrestag der Geburt Stepan Banderas zu feiern. In den letzten Jahren haben viele \u00e4hnliche Aufm\u00e4rsche in der Ukraine, insbesondere im westlichen Teil des Landes, stattgefunden. Tausende junge Ukrainer nehmen an diesen Aufm\u00e4rschen teil und schwenken dabei Fahnen mit dem Konterfei von Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch. Obwohl sie zur Gr\u00fcndung einer unabh\u00e4ngigen Ukraine beigetragen haben, haben beide M\u00e4nner ebenfalls viele Kriegsverbrechen im Rahmen ihrer Kollaboration mit dem Dritten Reich w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs begangen. Daher sind die historischen Pers\u00f6nlichkeiten Bandera und Schuchewytsch heute weiterhin umstritten. Von manchen werden sie als Nationalhelden empfunden, von anderen jedoch als Verbrecher.<\/p>\n<p><strong>Ein von m\u00e4chtigen Nachbarn begehrtes Gebiet<\/strong><\/p>\n<p>Fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig ist die Ukraine das drittgr\u00f6\u00dfte Land in Europa \u2013 hinter Russland und Frankreich. Der Name \u201eUkraine\u201c (<em>\u0423\u043a\u0440\u0430\u0457\u043d\u0430<\/em>) wurde urspr\u00fcnglich in Bezug auf das Gebiet der Kiewer Rus im 12. Jahrhundert verwendet. Im Laufe seiner Geschichte wurde dieses ausgedehnte Gebiet mehrfach erobert und von mehreren europ\u00e4ischen M\u00e4chten annektiert.<\/p>\n<p>Im Laufe des 17. Jahrhunderts befand sich beinahe das gesamte Gebiet der heutigen Ukraine im Machtbereich des K\u00f6nigreichs Polen-Litauen. Sp\u00e4ter im 18. und 19. Jahrhundert sind es \u00d6sterreich-Ungarn (im Westen) und Russland (in der Mitte und im Osten), die sich dieses Gebiet in Osteuropa teilen. Nach dem I. Weltkrieg erscheint Polen auf der Karte Europas zur\u00fcck und bekommt die westlichsten Teile der Ukraine zur\u00fcck, w\u00e4hrend die Sowjetunion den Rest des Landes unterjocht.<\/p>\n<p><strong>Der sowjetische Zusammenhang und der \u201eHolodomor\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Die Ukraine hat unter der sowjetischen Besatzung schrecklich gelitten. Das auff\u00e4lligste Beispiel dieser schwierigen Periode ist auf jeden Fall die sowjetische Hungersnot der Jahre 1932-1933. In der Ukraine wird diese Hungersnot \u201e<em>Holodomor<\/em>\u201c (ukrainisch \u0433\u043e\u043b\u043e\u0434\u043e\u043c\u043e\u0301\u0440, was wortw\u00f6rtlich \u201eAusrottung durch Hunger\u201c hei\u00dft) genannt und als einen Massenmord angesehen, der einem V\u00f6lkermord gleichkommen kann (obwohl diese Episode in zahlreichen Geschichtsb\u00fcchern ausgelassen wird).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend eines Zeitraums von kaum anderthalb Jahr hat diese Hungersnot je nach den Quellen den Tod von sechs bis acht Millionen Menschen verursacht, davon zwei bis f\u00fcnf Millionen allein in der Ukraine. Obwohl die meisten der Opfer Volksukrainer waren, waren nicht nur sie von dieser m\u00f6rderischen Politik Stalins betroffen (es starben ebenfalls Hunderttausende Russen, Tataren und Kasachen).<\/p>\n<p><strong>Ein begehrtes multikulturelles Gebiet<\/strong><\/p>\n<p>Im Laufe der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts haben sich die ethnischen, kulturellen und religi\u00f6sen Spannungen in der Westukraine sehr stark zugespitzt. Gem\u00e4\u00df einer Volksz\u00e4hlung aus dem Jahr 1931 bildeten die Ukrainer die Mehrheit der einheimischen Bev\u00f6lkerung (64%) im westukrainischen Wolhynien. Weitere Volksgruppen waren die Polen (15,6%), die Juden (10%), die Deutschen (2,3%) bzw. weniger zahlreiche Gruppen wie Tschechen, Slowaken, Weissrussen\u2026 (1) Die vorbestehenden Spannungen zwischen diesen unterschiedlichen Volksgruppen sind w\u00e4hrend der 1930er Jahre betr\u00e4chtlich gesch\u00fcrt worden, und f\u00fchrten im Laufe des Zweiten Weltkriegs zu einem regelrechten Hass.<\/p>\n<p>Schon damals schien die Ukraine \u2013 zwischen der Westukraine einerseits, die einst unter polnischem bzw. \u00f6sterreichischem Einfluss gestanden war, und der russifizierten Ostukraine andererseits \u2013 zutiefst gespalten zu sein. In den Augen der ukrainischen Nationalisten stellten Polen und die Sowjetunion Erbfeinde der ukrainischen Nation dar, die bek\u00e4mpft werden mussten, um die Gr\u00fcndung eines ukrainischen Staates zu erm\u00f6glichen. Und genau dieses Ziel verfolgte die 1929 gegr\u00fcndete Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN).<\/p>\n<p>Die Strategie der OUN, um eine unabh\u00e4ngige Ukraine zu erreichen, schloss Gewalt und Terrorismus gegen diejenigen mit ein, die als Feinde der freien Ukraine betrachtet wurden. Unter ihnen kann man die \u201e\u00e4u\u00dferen\u201c Feinde nennen \u2013 Polen und die Sowjetunion \u2013 aber auch \u201einnere\u201c Feinde, sprich jeden Angeh\u00f6rigen einer anderen Nationalit\u00e4t oder jeden, der verd\u00e4chtigt wurde, mit dem Feind zu kollabieren. Die Ukrainische Aufst\u00e4ndische Armee (UPA) war eine nationalistische paramilit\u00e4rische Armee, die in einer Serie von Konflikten im Laufe des Zweiten Weltkriegs eingesetzt wurde. Sie bestand aus unterschiedlichen Gruppen der OUN. Die OUN und die UPA wurden jeweils von Stepan Bandera bzw. Romam Schuchewytsch angef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Kollaboration mit dem Dritten Reich<\/strong><\/p>\n<p>Einige Jahre sp\u00e4ter begann der Zweite Weltkrieg. 1940 betrachteten viele Westukrainer das Dritte Reich als einen Partner, der ihnen helfen konnte, einen unabh\u00e4ngigen ukrainischen Staat zu gr\u00fcnden. Hitler galt sogar als Symbol der Hoffnung gegen die sowjetische Herrschaft. Die dritte Klausel der ukrainischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung vom 30. Juni 1941 war entsprechend \u00e4u\u00dferst klar:<\/p>\n<p><em>\u201e3. Der neulich gegr\u00fcndete ukrainische Staat wird in enger Zusammenarbeit mit dem Nationalsozialismus in Gro\u00dfdeutschland, unter der Leitung dessen F\u00fchrers Adolf Hitler, zusammenarbeiten, der eine neue Ordnung in Europa und in der Welt schaffen will und den Ukrainern hilft, sich von der sowjetischen Besatzung zu befreien\u2026\u201c (2)<\/em><\/p>\n<p>Am 28. April 1943 wird die SS-Division Galizien gegr\u00fcndet. Es handelt sich um eine Milit\u00e4reinheit, die vorwiegend aus ukrainischst\u00e4mmigen Freiwilligen aus Galizien (Westukraine) besteht. Auf Betreiben der Wehrmacht massakriert die SS-Division Galizien beinahe die gesamte j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung aus der Gegend.<\/p>\n<p><strong>Massaker in Wolhynien<\/strong><\/p>\n<p>Als die Juden vernichtet waren, kamen die Polen dran. Es ist haupts\u00e4chlich im westukrainischen Wolhynien, dass die polnische Minderheit massakriert wurde. W\u00e4hrend der Zweite Weltkrieg w\u00fctet, befehlen die ukrainischen nationalistischen F\u00fchrer ihren Anh\u00e4ngern die polnische Bev\u00f6lkerung in der Gegend zu massakrieren. Hier ein Auszug aus dem Befehl der OUN vom 2. Februar 1944 an ihre Mitglieder:<\/p>\n<p><em>\u201eVernichtet jede Spur des Polentums. Zerst\u00f6rt die katholischen Kirchen und andere polnischen Gebetsst\u00e4tten (\u2026) Zerst\u00f6rt die H\u00e4user derma\u00dfen, dass es keine Spur mehr gebe, dass jemand da gelebt habe (\u2026) Vergesst dabei nicht, dass wenn etwas Polnisches \u00fcbrigbleibt, die Polen dann kommen und unseren Heimatboden f\u00fcr sich beanspruchen werden.\u201c (3)<\/em><\/p>\n<p>Die Haufen von ukrainischen Nationalisten st\u00fcrzen in die D\u00f6rfer Galiziens und Wolhyniens und ermorden dort 40.000 bis 60.000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder. Niemand wird verschont. Dar\u00fcber hinaus, dass sie die einheimische Bev\u00f6lkerung massakrieren, setzen die Truppen Banderas Folter in einer entsetzlichen Weise ein. Obwohl es keinen Widerstand gibt, werden Zivilisten in ihren H\u00e4usern, in Schulen oder gar in Kirchen w\u00e4hrend der Messe get\u00f6tet. Wie die Rote Armee es sp\u00e4ter gleich tat, wird auch Vergewaltigung weitgehend als Terrorwaffe eingesetzt.<\/p>\n<p><strong>Das Erbe und die D\u00e4monen der Vergangenheit<\/strong><\/p>\n<p>Der polnische Schriftsteller Jan Zaleski sagte sp\u00e4ter: \u201e<em>Die Polen aus Wolhynien wurden zweimal ermordet. Das erste Mal durch das Messer und das zweite Mal durch das Schweigen<\/em>\u201c. Mit diesen Worten bezieht er sich auf die Weise, wie das Thema des Massakers in Wolhynien \u00f6fters vermieden wird, und zwar sogar \u00f6fters bis zur Leugnung seitens der Ukrainer der Gr\u00e4ueltaten, die dort geschehen sind. Und trotz der zahlreichen von OUN- bzw. UPA-Mitgliedern begangenen Verbrechen betrachten viele Ukrainer die F\u00fchrer dieser Organisationen heute noch als Nationalhelden. Davon zeugen die zahlreichen zu Ehren von Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch errichteten Denkm\u00e4ler in der Westukraine u.a. in Lemberg (<em>Lwow<\/em>), so sie regelm\u00e4\u00dfig gepflegt werden.<\/p>\n<p>Am 22. Januar 2010 verlieh der damalige ukrainische Pr\u00e4sident Viktor Juschtschenko Stepan Bandera und den einstigen UPA-Chef Roman Schuchewytsch posthum die W\u00fcrde von \u201eHelden der Ukraine\u201c. Diese Entscheidung wurde sowohl in der ukrainischen \u00d6ffentlichkeit wie bei den polnischen und russischen Nachbarn sehr umstritten. \u00dcbrigens schiene es, dass die Demonstrationen des \u201eEuromaidan\u201c 2014 zur Schaffung eines regelrechten Mythos um diese beiden zumindest zwiesp\u00e4ltigen Pers\u00f6nlichkeiten beigetragen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Der bewaffnete Konflikt, der weiterhin im ostukrainischen Donbass zwischen der ukrainischen Armee und den von Moskau unterst\u00fctzten Separatisten w\u00fctet, hat schon mehr als 10.000 Opfer gefordert (Mitte November 2017, lt. der UNO). In diesem Zusammenhang erscheint Polen wie ein logischer Verb\u00fcndeter gegen den drohenden russischen Nachbarn. Und in der Tat hat dieser Konflikt dazu beigetragen, die beiden L\u00e4nder n\u00e4herzubringen (\u00fcber eine Million Ukrainer sind seit 2014 nach Polen ausgewandert). Allerdings bleibt die Ukraine auf dem geopolitischen Schachbrett Europas ziemlich alleine da. Ein offizielles Entschuldigen seitens der ukrainischen F\u00fchrung f\u00fcr die in Galizien und Wolhynien begangenen Verbrechen k\u00f6nnten einen ermutigenden ersten Schritt darstellen, um die diplomatischen Beziehungen zwischen der Ukraine und deren Nachbarn zu verbessern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Polen \/ Ukraine\u00a0\u2013 Am 1. Januar 2019 marschierten mehrere Tausende Ukrainer auf den Stra\u00dfen von Kiew, Lemberg (Lwow) und Chmelnyzkyj (Westukraine) auf, um den 110. Jahrestag der Geburt Stepan Banderas zu feiern. In den letzten Jahren haben viele \u00e4hnliche Aufm\u00e4rsche in der Ukraine, insbesondere im westlichen Teil des Landes, stattgefunden. 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