{"id":5495,"date":"2020-02-17T11:10:02","date_gmt":"2020-02-17T11:10:02","guid":{"rendered":"https:\/\/visegradpost.com\/?p=5495"},"modified":"2025-06-11T11:17:34","modified_gmt":"2025-06-11T10:17:34","slug":"laszlo-tokes-es-widert-es-mich-an-wie-das-paar-ceausescu-behandelt-wurde-aber-sie-haben-es-verdient","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/visegradpost.com\/de\/2020\/02\/17\/laszlo-tokes-es-widert-es-mich-an-wie-das-paar-ceausescu-behandelt-wurde-aber-sie-haben-es-verdient\/","title":{"rendered":"L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s: \u201eEs widert es mich an, wie das Paar Ceaus\u0327escu behandelt wurde, aber sie haben es verdient\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit dem siebenb\u00fcrgischen kalvinistischen Bischof L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:\u00a0 \u201eEs widert es mich an, wie das Paar Ceaus\u0327escu behandelt wurde, aber sie haben es verdient\u201c.<\/p>\n<p>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s ist eine der Hauptpers\u00f6nlichkeiten der Rum\u00e4nischen Revolution, die zum Sturz des Ceau\u0219escu-Regimes f\u00fchrte. Dann wurde er zu einem wichtigen Politiker erst in Rum\u00e4nien und sp\u00e4ter in Ungarn, da er sowohl Rum\u00e4nien (2007-2014) wie auch Ungarn (2014-2019) im Europaparlament vertrat.<\/p>\n<p>Drei\u00dfig Jahre nach der Revolution von 1989 kam er auf diese entscheidenden Momente der zeitgen\u00f6ssischen Geschichte Rum\u00e4niens zur\u00fcck und lieferte seine Meinung \u00fcber die k\u00fcnftigen Perspektiven Rum\u00e4niens und Mitteleuropas.<\/p>\n<p>Er beantwortete die Fragen von Ferenc Alm\u00e1ssy. Ein Teil des Interviews wurde auf dem franz\u00f6sischen Fernsehkanal\u00a0TV Libert\u00e9s\u00a0ausgestrahlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Wie wu\u0308rden Sie das Leben in Ruma\u0308nien am Ende der 1980er Jahre beschreiben?\u00a0<\/em><em>Wie war damals die Stimmung? die Atmospha\u0308re?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Wir waren in einer solchen Situation, dass man wir nirgendwo mehr hatten, wohin wir uns flu\u0308chten konnten, denn wir bi\u00dfen uns auf Granit. Das Land war durch absolutes Elend, Verzweiflung und Armut gekennzeichnet, was durch den immer wiederkehrenden Stromausfall durchaus symbolisiert wurde. Wir lebten im Ruma\u0308nien der Finsternis sowohl im u\u0308bertragenen wie im eigentlichen Sinn des Wortes. Bei jedem Stromausfall erstarrten die ruma\u0308nischen Bu\u0308rger vor Angst. Wir haben mehrere Fa\u0308lle diesbezu\u0308glich erlebt: der Strom wurde wa\u0308hrend der Abendmesse abgeschaltet, damit jeder bea\u0308ngstigt sei und denke, dass die Ma\u0308nner der Securitate kommen wu\u0308rden, um uns abzuholen. Somit komme ich auf die Geheimpolizei. Die ruma\u0308nischen Geheimdienste, die damals herrschten, bescha\u0308ftigten eine Rekordanzahl an Informanten und die Aktivita\u0308ten der Securitate waren insbesondere gegen die Intellektuellen, die Kirche und die Minderheiten gerichtet. Die Securitate verfu\u0308gte u\u0308ber eine Sonderabteilung, die sich mit den ungarischen Irredentisten und mit den deutschen Faschisten befasste. Die deutsche Literaturnobelpreistra\u0308gerin Herta Mu\u0308ller ko\u0308nnte viel daru\u0308ber sagen und erkla\u0308ren, was sie alles durchmachen musste. Wir wurden als ungarische Irredentisten betrachtet und vom ruma\u0308nischen kommunistischen Regime unterdru\u0308ckt, das ein national-kommunistisches Regime war. Es ist interessant anzumerken, dass es nicht der proletarische Internationalismus war, sondern die religio\u0308se und ethnische Doppelbezeichnung und eine gegen die Minderheit gerichtete Politik, die Ruma\u0308nien kennzeichneten.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Sie haben gerade u\u0308ber die Securitate gesprochen.\u00a0<\/em><em>Reden wir also u\u0308ber die Rolle, die die Securitate im Regimewechsel gespielt hat. Welche Erfahrung haben Sie mit dieser Beh\u00f6rde?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Das Ceaus\u0327escu-Regime war die letzte brutale kommunistische Diktatur stalinistischer Pra\u0308gung. Es funktionierte mit sehr starken Geheimdiensten. Was mich betrifft, so war der Kampf 1989 eben ein Kampf um Leben und Tod. F\u00fcr die Gemeindemitglieder und f\u00fcr mich war es ein Kampf gegen die Securitate, gegen die Ruma\u0308nische Kommunistische Partei [PCR], gegen das Ceaus\u0327escu-Regime und, muss man wohl sagen, gegen die klerikale Diktatur, denn in dieser Zeit waren die meisten unserer Bischo\u0308fe mehr oder weniger Anha\u0308nger von Ceaus\u0327escu bzw. ruma\u0308nenfreundliche und vom kommunistischen Regime korrumpierte Kirchenfu\u0308hrer, die dem Regime dienten.<\/p>\n<p>Es ist wichtig anzumerken, dass die Anfu\u0308hrer aller Kirchen \u2013 vom ruma\u0308nischen Patriarchen Teoctist I. bis hin zu meinem eigenen Vorgesetzten dem kalvinistischen Bischof La\u0301szlo\u0301 Papp \u2013 die Wahl Ceaus\u0327escus an der Spitze der PCR im November 1989 anla\u0308sslich des letzten Parteitags begru\u0308\u00dft hatten.<\/p>\n<p>Die ruma\u0308nischen Geheimdienste waren so stark, dass man sie eventuell nur mit den ostdeutschen Diensten, mit dem KGB, mit den chinesischen bzw. nordkoreanischen Diensten vergleichen konnte. Die Dienste hielten das Land unter Terror. Damals benutzte ich die Metapher der Mauer. Man musste die Schweigemauer durchbrechen, damit die Welt erfahre, was hier vonstattenging, denn Ceaus\u0327escu wurde als Friedenska\u0308mpfer gefeiert. Frau Thatcher und der Pra\u0308sident der USA hatten ihn empfangen und seine Frau Elena war zur Ehrendoktorin mehrerer Universita\u0308ten ernannt worden. Als wir nicht mehr zuru\u0308ckkonnten, mussten wir gegen die Tra\u0308ger dieses Regimes der Angst, der Einschu\u0308chterung und des Schweigens vorgehen. So habe ich meine letzten neun Monate verbracht, als ich von Kronstadt (<em>Bras\u0327ov<\/em>) nach Burglos (<em>Dej<\/em>) und dann nach Temeschwar (<em>Timis\u0327oara<\/em>) geschickt wurde. Arbeitslos seit zwei Jahren bemu\u0308hte ich mich, u\u0308berall der Kirche und meinem Volk zu dienen, ein treuer Ju\u0308nger unseres Herrn Jesus Christus zu sein, der sagte, dass wenn man schweige, die Steine zu schreien anfangen. Das ist das, was ich pra\u0308digte, als sich die Frage der Do\u0308rferzersto\u0308rung sich gestellt hat.<\/p>\n<p>Das letzte gro\u0308\u00dfenwannsinnige Projekt Ceaus\u0327escus bestand darin, 7000 Do\u0308rfer zu zersto\u0308ren und deren Bevo\u0308lkerung in vom Staat gebaute Viertel umzusiedeln. Wir konnten das nicht mehr ertragen, denn sie wollten unsere Kirchen und Do\u0308rfer zersto\u0308ren. Diese Affa\u0308re stellte einen\u00a0<em>casus belli<\/em>\u00a0dar: im September 1988 haben wir in meinem Bistum ein Memorandum verfasst. Ja\u0301nos Molna\u0301r und ich haben in diesem Memorandum den Beho\u0308rden eine Verhandlung vorgeschlagen, um die Zersto\u0308rung unserer Kirchen und die Auflo\u0308sung unserer Pfarrgemeinden zu vermeiden. Es sind die von dieser Initiative hervorgerufenen Repressalien, die zu den Ereignissen von 1989 gefu\u0308hrt haben.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Viele haben Ihnen vorgeworfen, selbst ein ruma\u0308nischer Agent, ein ungarischer Agent oder sonst noch was gewesen zu sein. Warum diese Anschuldigungen? Vielleicht, weil die Revolution Ihretwegen ausgebrochen ist?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Das Ceaus\u0327escu-Regime und die Securitate leben weiterhin. Die Securitate wurde umgenannt und modernisiert doch im Gro\u00dfen und Ganzen besteht die Ceaus\u0327escu-Doktrin weiter fort, dergema\u0308\u00df die Ungarn ein Risiko fu\u0308r die Sicherheit Ruma\u0308niens darstellen. Laut dieser Doktrin wu\u0308rden die Ungarn Ruma\u0308niens Siebenbu\u0308rgen vom Rest des Landes trennen wollen. Ceaus\u0327escu versuchte auch in diese Richtung zu gehen, als er in der Verzweiflung der letzten Momenten im Dezember 1989 behauptete, dass die Ungarn in Ruma\u0308nien einmarschiert seien und ruma\u0308nische Arbeiter bzw. Bergarbeiter aus Craiova und aus dem Schiltal (<em>Valea Jiului<\/em>) hierher mit dem Zug kommen lie\u00df, damit sie die angebliche ungarische Invasion beka\u0308mpfen.<\/p>\n<p>Im Ma\u0308rz 1990 hat die ruma\u0308nische Regierung die gleiche Methode angewandt, als sie die Ungarn unterdru\u0308ckte, die in Neumarkt am Mieresch (<em>T\u00e2rgu Mure\u0219<\/em>\u00a0\/\u00a0<em>Marosva\u0301sa\u0301rhely<\/em>) fu\u0308r ihre Schulen demonstrierten, und lie\u00df Bauern aus dem Go\u0308rgental (<em>Valea Gurghiului<\/em>) kommen, indem man erkla\u0308rte, dass die Ungarn Siebenbu\u0308rgen von Ruma\u0308nien trennen wollten [diese\u00a0Ausschreitungen\u00a0haben mehrere Todesopfer verursacht, NdR]. Das ist zur einer stetigen Anschuldigung gegen uns geworden. Stellen Sie sich vor, dass man mich beschuldigt, mit den amerikanischen, ungarischen und sowjetischen Geheimdiensten mit dem Ziele zusammengearbeitet zu haben, die Souvera\u0308nita\u0308t Ruma\u0308niens zu beeintra\u0308chtigen und Siebenbu\u0308rgen davon zu trennen. Es ist zu einer Gewohnheit geworden; das nennt man, die ungarische Karte zu spielen: egal was ein Ungar macht, auch wenn er blo\u00df seine Rechte verteidigt, dann beschuldigt man ihn, gegen Ruma\u0308nien zu sein und Siebenbu\u0308rgen von diesem Land trennen zu wollen. In Ruma\u0308nien wird dies als eine mit Trianon verbundene Psychose betrachtet. Heute noch befinde ich mich in einem Prozess gegen zwei Agenten der Securitate, Filip Teodorescu und Ioan Talpes\u0327, zwei fu\u0308hrende Mitarbeiter der Dienste Ceaus\u0327escus, die mich beschuldigen, ein Landesverra\u0308ter und ein ungarischer bzw. russischer Agent zu sein. Der Prozess dauert seit Jahren und hat ein solches Ausma\u00df angenommen, dass die ruma\u0308nische post-kommunistische Regierung mir die Auszeichnung abgenommen hat, die der Pra\u0308sident Traian Ba\u0306sescu mir wegen meiner Verdienste wa\u0308hrend der Revolution verliehen hatte.<\/p>\n<p>Daru\u0308ber hinaus ist es der Pra\u0308sident Klaus Johannis, ein Mitglied der deutschen Minderheit, der sie mir abgenommen hat. Ba\u0306sescu war dagegen und hat bis zum Ende seines Mandats gewartet, um sie mir zu verleihen, und nun ist es der Renegat Johannis, der als Deutscher ruma\u0308nischer als der Ruma\u0308ne bzw. pa\u0308pstlicher als der Papst sein will, und sie mir abgenommen hat. Ich fu\u0308hre auch wegen dieser Affa\u0308re einen Prozess. Die na\u0308chste Verhandlung wird 2020 stattfinden. Seit fu\u0308nf Jahren ziehen nun diese Affa\u0308re in die L\u00e4nge. Ich ka\u0308mpfe nunmehr fu\u0308r meine Wu\u0308rde, weil ich denke, dass ich fu\u0308r das ruma\u0308nische Volk und fu\u0308r die Ungarn Ruma\u0308niens geka\u0308mpft habe. Ich wurde von den Ungarn und von den Rum\u00e4nen untert\u00fctzt. Die ruma\u0308nischen Baptisten, Orthodoxen, Arbeiter und Studenten waren auf meiner Seite. Ich setze u\u0308brigens diesen Kampf im Sinne des Volksaufstands wa\u0308hrend der Revolution von 1989 fort.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Sie wurden zum Funken, der die Revolution in Ruma\u0308nien herbeigefu\u0308hrt hat. Ko\u0308nnten Sie kurz den Verlauf dieser Ereignisse zusammenfassen? Wie kam es zu diesem Funken?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Kommen wir nicht auf die alten Zeiten zuru\u0308ck. In meiner gesamten Karriere habe ich fu\u0308r die Gemeindemitglieder geka\u0308mpft, fu\u0308r die Jugend, fu\u0308r die Freiheit, fu\u0308r die religio\u0308sen Rechte, fu\u0308r die Religionsfreiheit, fu\u0308r die Rechte der Ungarn und fu\u0308r die Demokratie. Wie ich es Ihnen sagte, haben wir 1988 gegen die Do\u0308rferzersto\u0308rung protestiert. Das war das irreparable Verbrechen. Unsere Stellungnahmen erschienen als\u00a0<em>Samisdat<\/em>; darin stellte ich die Lage der kalvinistischen Kirche in Ruma\u0308nien vor. Die Securitate beschlagnahmte diese Geheimpublikation. Mein schlechter Ruf wurde nur gro\u0308\u00dfer, u\u0308berall organisierte ich die Gemeindemitglieder und anfangs 1989 haben sie [die Dienste] den Bischof u\u0308berzeugt, mich woandershin zu versetzen. Sie wollten mich in ein kleines, fernes und isoliertes Dorf schicken, wo meine Stellungnahmen und meine Ka\u0308mpfe keine Gefahr darstellen wu\u0308rden.<\/p>\n<p>Da der Bischof mich illegalerweise entlassen hatte, habe ich diese Entscheidung nicht akzeptiert und habe protestiert. Die Gemeindemitglieder waren auf meiner Seite, das Pfarhaus akzeptierte dieses Diktat auch nicht, und dann begann im April 1989 eine sta\u0308ndige Bela\u0308stigung. Es wurden sogar Verbrechen begangen: unser Architekt Erno\u030b U\u0301jva\u0301ri wurde im September 1989 ermordet. Wir renovierten gerade die baufa\u0308llige Kirche und auch das Pfarrhaus. Wir hatten eine gro\u0308\u00dfere Baustelle angefangen. Wir arbeiteten und ka\u0308mpften. Die Kirche war bummvoll bis in den Gang hinaus. Wir versammelten die Jugend. Das alles in einem von der ruma\u0308nischen Verfassung erlaubten Rahmen. Doch handelte es sich um eine theoretische Bewilligung. In Wirklichkeit wurden diejenigen bestraft, die das religio\u0308se Leben ernst nahmen und ihre Rechte ausu\u0308ben wollten. So begann der Kampf. Sollte ich weg oder nicht? Ich bin nicht weggegangen und die Pfarrgemeinde hat mich verteidigt. Wir lebten in einer schrecklichen Zeit: die Securitate beobachtete schon den Eingang der Kirche, verbot den Katechismusunterricht, schlo\u00df das Pfarrhaus, das Bankkonto der Pfarrgemeinde und nahm mir mein Gehalt weg.<\/p>\n<p>Wir haben meinen Sohn \u2013 damals hatte ich nur einen Sohn \u2013 zu seinen Gro\u00dfeltern geschickt. Ich habe diese Metapher benutzt: die \u201eBelagerung von Temeschwar\u201c. Es ist unter diesem Belagerungszustand, dass wir bis zum Dezember gelangt sind, als der regimenahe Bischof La\u0301szlo\u0301 Papp es erreichte, dass die ruma\u0308nische Staatsanwaltschaft mich aus Temeschwar verjagte. Der Befehl besagte, dass ich aus meiner Wohnung im Pfarrhaus am 15. Dezember verwiesen werden sollte. Ich informierte die Gemeinde am 10. Dezember daru\u0308ber und bat die Leute, zahlreich zu kommen, damit die Zwangsverweisung vor Augenzeugen vonstattenginge. Zu meiner gro\u00dfen U\u0308berraschung geschah es und die Leute versammelten sich. Mehrere Dutzend Personen versammelten sich vor dem Fenster meines Pfarrhauses. Es wurde mir schon nicht mehr erlaubt einkaufen zu gehen, es wurde mir nicht mehr erlaubt, Holz zu besorgen, um zu heizen. Wir waren gerade davor zu erfrieren und wir hatten angefangen, alles Kleinholz aus dem Keller zu sammeln, als die Leute, die Securitate und die Polizei am 15. Dezember pl\u00f6tzlich vor der Tu\u0308r angekommen sind. Ein Attache\u0301 von der US-Botschaft war auch dabei. Man muss wissen, dass der ungarische Sender\u00a0<em>Panora\u0301ma<\/em>\u00a0aus Budapest von Zeit zu Zeit unsere Lage hier erwa\u0308hnte. Wir hatten diesem Kanal\u00a0ein Interview hier in der Galerie gegeben. Unsere Lage o\u0308ffentlich zu machen war also sehr wichtig. Jeden Sonntag vero\u0308ffentlichte ich also den Verlauf der Ereignisse, die Bela\u0308stigungen der Securitate gegen die Pfarrgemeinde bzw. wie sie uns bedrohten. Zu dieser Zeit war meine Frau schon schwanger.<\/p>\n<p>Wir erwarteten ein Kind. Ich erkla\u0308rte, dass sie den Arzt nicht hineinlie\u00dfen, dass sie mitten im Winter unsere Fensterscheiben eingeschlagen hatten, dass wir kein Heizholz zum Heizen und kein Gehalt mehr hatten. Die Leute sind am 15. Dezember mit Milch, mit Brot und mit Holz gekommen, die sie uns durch das Fenster gegeben haben. Sie haben die Agenten der Securitate und die Polizisten vertrieben und schafften es somit, in unsere Wohnung zu kommen. Sie sind sta\u0308ndig da geblieben, um uns zu schu\u0308tzen. Ich hatte sie nicht gebeten, dies zu tun, sie haben es von sich aus getan und dann haben sich die Ruma\u0308nen ihnen angeschlossen. Es begann also eine Aktion der Solidarita\u0308t. Spa\u0308ter sind die ruma\u0308nischen Baptisten gekommen und auch die Studenten. Die Stra\u00dfe war voll und die Aktion der Solidarita\u0308t wurde zu einer Demonstration gegen das Regime und setzte sich bis zum Samstag, den 16. fort. In der gleichen Zeit ist der Bu\u0308rgermeister gekommen und die Demonstranten haben ein Komitee gewa\u0308hlt. Sie haben entschieden, dass man Holz hineinlassen, einen Arzt zu meiner Frau durchlassen, die Fensterscheiben reparieren, mich in die Stadt gehen lassen und aufho\u0308ren solle, mich zu bela\u0308stigen.<\/p>\n<p>Doch am na\u0308chsten Tag haben Ceaus\u0327escu und die seinigen einen anderen Befehl gegeben und wollten mich mit Gewalt zwingen, wegzuziehen. Es fand den ganzen Tag eine Demonstration statt. Die Demonstranten gingen in die Innenstadt und sangen die ruma\u0308nische Hymne, \u201eErwache Ruma\u0308ne!\u201c (<em>Des\u0327teapta\u0306-te, Roma\u0302ne!<\/em>), die alte und inzwischen neue ruma\u0308nische Hymne, die dem \u201eAuf, Magyaren!\u201c (<em>Talpra magyar!<\/em>) fu\u0308r die Ungarn entspricht. Dann belagerten sie den Sitz der kommunistischen Partei. Ich selbst war nicht mehr in der Lage, dies alles zu verfolgen, denn sie waren nicht mehr hier. Dann wurde ich am 17. in der Fru\u0308h verwiesen. Sie sind gegen 4-5 Uhr mit Gewalt durch die Tu\u0308r des Hauses hereingekommen. Wir hatten alle Tu\u0308ren abgeriegelt, bevor wir uns durch ein Fenster in diese Sakristei flu\u0308chteten, denn in der Bibel wird besagt, dass die Gla\u0308ubigen, die sich hierher flu\u0308chten, physisch nicht angegriffen werden. Im Mittelalter war das ein lebhafter Gedanke, deswegen haben wir uns hierher geflu\u0308chtet, doch hatten sie kein Mitleid, sie sind gekommen, indem sie die Tu\u0308r aufbrachen. Ich war da mit meiner Frau und zwei Freunden.<\/p>\n<p>Sie haben uns hier an diesem Tisch gehalten, wir beteten. Ich trug den Talar, sie schlugen uns. Der Staatssekreta\u0308r fu\u0308r religio\u0308se Angelegenheiten war da. Er bat sie, uns nicht zu schlagen. Meine Frau war krank und schwanger. Dann setzten sie uns in zwei Autos und wir sind mit einem Konvoi losgefahren. Wir dachten, dass sie uns wegbrachten, um uns umzubringen, doch schlie\u00dflich brachten sie uns in das Dorf Mineu im Kreis Sa\u0306laj, wo der Bischof La\u0301szlo\u0301 Papp sich mit meiner Verurteilung befasste. Wir sind dort eine Woche lang geblieben. Wir wurden isoliert und Tag und Nacht verho\u0308rt. Wa\u0308hrenddessen wurden unsere Freunde hier im Gefa\u0308ngnis verho\u0308rt. Eine Telefonleitung war zwischen dem Gefa\u0308ngnis und Mineu eingerichtet worden.<\/p>\n<p>Das Ganze ha\u0308tte den Stoff fu\u0308r einen Roman liefern ko\u0308nnen. Sie haben das gesamte Jahr 1989 rekonstruiert, unsere Ka\u0308mpfe, unsere Besucher, das Interview mit\u00a0<em>Panora\u0301ma<\/em>, unsere Beziehungen mit den Gemeindemitgliedern, unseren Widerstand. Sie wollten, dass ich zugebe, dass ich ein ungarischer Agent sei und dass ich fu\u0308r die amerikanischen Dienste arbeiten wu\u0308rde. Fu\u0308r den KGB oder die CIA. Fu\u0308r sie war das zweitrangig, sie wollten blo\u00df, dass ich ein Gesta\u0308ndnis im Fernsehen ablege, dass ich zugebe, ein Feind Ruma\u0308niens zu sein, ein Agent, ein Geheimagent. Und dann wurde Ceaus\u0327escu gestu\u0308rzt. Wir dachten damals, dass wenn Ceaus\u0327escu nicht exekutiert werde, wir dann umgebracht werden w\u00fcrden. Das war ein Kampf auf der Kippe. Durch Gottes wunderbare Gnade wurden wir freigelassen. In dieser Kirche ist es seit jeher das Wesentliche; die Rolle des Pfarrers ist sehr wichtig. Man soll sich auf Gottes Wort verlassen, Gott walten lassen lieber als die Menschen.<\/p>\n<p>Und wenn unser Herr Jesus Christus auf das Kreuz gestiegen ist, so mu\u0308ssen wir es auch, um mindestens die Wahrheit zu sagen, denn ansonsten werden die Steine schreien. Wie kann man es wagen, den Tod Christi zu erwa\u0308hnen, wenn wir Pfarrer nicht einmal den kleinen Finger fu\u0308r unser Volk kru\u0308mmen und uns verstecken? Diese Episode ist lebendiger Glaube. Diese Menschen hatten keine Angst. Fru\u0308her, wenn die Securitate kam, dann gingen die Menschen auseinander. Da sind sie nicht weggegangen sondern sind immer zahlreicher gekommen, und als wir Erno\u030b U\u0301jva\u0301rosi am 18. September begraben haben, war es eigentlich ein Schweigemarsch auf dem Friedhof. Weit entfernt davon, Angst zu haben, erstarkten die Leute in ihrem Glauben und das dauerte bis in den Dezember hinein. So kam es zu unserer Befreiung, es war noch die spontane Phase des Volksaufstands. Dann kam es zum Putsch, der von den Ex-Kommunisten mit dem Pra\u0308sidenten Iliescu an ihrer Spitze durchgefu\u0308hrt wurde.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Was denken Sie daru\u0308ber, dass Ceaus\u0327escu so schnell exekutiert wurde? Wie beurteilen Sie die Art, wie er behandelt wurde?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Ho\u0308ren Sie, da werde ich zwischen meinen Gefu\u0308hlen als Mensch und als Politiker hin und hergerissen. Als Mensch widert es mich an, wie das Paar Ceaus\u0327escu behandelt wurde. Damals war es allerdings das allgemeine Gefu\u0308hl, dass das Land in Gefahr sei, solange Ceaus\u0327escu am Leben bliebe. Und Ceaus\u0327escu verfu\u0308gte u\u0308ber gro\u00dfe Reserven, sprich beschra\u0308nkte sich das Regime nicht nur auf die Person Ceaus\u0327escu, sondern funktionierte durch die Menschen, die es am Leben hielten, durch diejenigen, die heute weiterhin den Geist des Nationalkommunismus Ceaus\u0327escus fortsetzen. Die Geheimdienste setzen auch diese Tradition fort. Es kam mir also damals vor, dass man sich von Ceaus\u0327escu befreien sollte, denn das Land konnte sich niemals in Sicherheit fu\u0308hlen, solange Ceaus\u0327escu am Leben war, denn er ha\u0308tte dann wieder kommen ko\u0308nnen. Freilich ist das dieses Gefu\u0308hl, das die Gruppe Iliescu gena\u0308hrt hat. Daru\u0308ber hinaus ist es unbestreitbar, dass Ceaus\u0327escu dieses Schicksal verdient hat; er und seine Frau haben ihre Strafe verdient.<\/p>\n<p>Deshalb kann ich \u2013 um nach drei\u00dfig Jahren gerecht zu sein \u2013 sagen, dass er dieses Schicksal verdient hat, allerdings ha\u0308tte man dies im Sinne von Recht und Gesetz durchfu\u0308hren ko\u0308nnen. Doch in dieser Situation, in diesem Chaos, als dies geschah, war es noch nicht klar genug. Ferner hatte die Manipulation ein solches Ausma\u00df erreicht \u2013 da wissen wir nunmehr, dass der Pra\u0308sident Iliescu ebenfalls bezichtigt wurde, ein milita\u0308risches Ablenkungsmano\u0308ver durchgefu\u0308hrt zu haben, indem sie selber auf Ruma\u0308nen schie\u00dfen lie\u00dfen, um das Volk zu ta\u0308uschen und das Gefu\u0308hl erwecken, dass eine echte Revolution vonstattenginge, wa\u0308hrend die echte Revolution durch den Putsch auf Abwege geraten war.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Und ist das der Grund, warum Sie sagen, dass das Ceaus\u0327escu-Regime drei\u00dfig Jahre spa\u0308ter weiter lebt?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Ja. Es ist wohl bekannt, dass die kommunistische Restauration in mehreren Wellen in Ost- und Mitteleuropa vonstattenging. Nehmen wir mal das Beispiel von Ungarn. 1994 ist Gyula Horn, der an der Unterdru\u0308ckung der Ereignisse von 1956 teilgenommen hatte, an die Macht zuru\u0308ckgekehrt. Dann, nach vier Jahren Pause 2002 ist es die Ungarische sozialistische Partei (MSZP), die Nachfolgepartei der ehemaligen KP, die an die Macht zuru\u0308ckkam. Dieses Ph\u00e4nomen fand mehr oder weniger in allen La\u0308ndern der ehemaligen sowjetischen Spha\u0308re statt, ohne gar von der Sowjetunion selbst und deren Teilrepubliken zu reden, wo das sowjetische Erbe heutzutage weiterhin durchaus pra\u0308sent ist. Auch in dem Bereich verzeichnet Ruma\u0308nien leider einen Rekord. Stellen Sie sich vor, dass es nach drei\u00dfig Jahren die Nachfolger der Kommunisten sind, die an der Macht sind. Neulich wurde ein Misstrauensantrag gegen die sozialistische Regierung gestellt [das Interview fand vor dem Sturz der von der PSD gef\u00fchrten Koalitionsregierung statt, NdR], doch leider umfasst der Postkommunismus die gesamte Gesellschaft. In Ruma\u0308nien werden alle Parteien als Satelliten der kommunistischen Partei betrachtet.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Nicht nur die PSD?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Nicht nur die PSD. Das ist der Unterschied mit Ungarn, wo man nicht sagen kann, dass u\u0308ber die sozialistische Partei hinaus alle Parteien irgendwie kommunistisch gepra\u0308gt seien. Aber hier sind es alle Parteien mehr oder weniger und sowieso haben alle Parteien durch die Securitate Verbindungen mit dem fru\u0308heren kommunistischen Regime. Die Geheimdienste sind genauso stark wie unter Ceaus\u0327escu und man kann sagen, dass ein Kampf sich hinter der politischen Krise abspielt, der die Geheimdienste involviert. Es ist besonders tragisch, was die Ungarn anbelangt, die genau aufgrund der Ceaus\u0327escu-Doktrin verfolgt werden. Sie sagen, dass wir Separatisten und Irredentisten sind bzw. dass wir die nationale Sicherheit Ruma\u0308niens gefa\u0308hrden.<\/p>\n<p>Derzeit finden z.B. hybride milita\u0308rische U\u0308bungen in den [mehrheitlich ungarischsprachigen, NdR] Kreisen Hargita (<em>Harghita<\/em>) und Kova\u0301szna (<em>Covasna<\/em>) statt, nach dem Vorbild dessen, was in Georgien und Ossetien bzw. im Donbass in der Ukraine stattfindet, was eine offene Provokation den Ungarn gegenu\u0308ber darstellt. Denn ich behaupte es: das Szeklerland stellt keine Gefahr fu\u0308r Ruma\u0308nien dar. Es befindet sich u\u0308brigens in der Mitte des Landes. Trotzdem wird stets provoziert. Es handelt sich um ein Beispiel der ruma\u0308nischen Politik der Assimilation und Vereinheitlichung, die auf der Basis der Ceaus\u0327escu-Doktrin gefu\u0308hrt wird.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Aber immerhin ko\u0308nnen Sie heute das alles offen aussprechen, oder?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Das ist der einzige Unterschied: es gibt die Illusion der Meinungsfreiheit und der Religionsfreiheit. Doch hat dies auch eine Kehrseite, wie es im Spruch so hei\u00dft: Von mir aus kannst Du lange reden. Wenn 100.000 Personen demonstrierten, sagte Iliescu, dass dies blo\u00df ein Prozent oder ein halbes Prozent der Bevo\u0308lkerung Ruma\u0308niens darstellte. Das Volk wird also in Verruf gebracht, diejenigen, die die Wahrheit sagen, werden in Verruf gebracht. Heute kann man alles sagen und alles tun, alles, was fru\u0308her unmo\u0308glich war. Doch ist es ein Land ohne Konsequenzen. Das ist das, was wir unter den Ungarn beobachten, aber genauso unter den Ruma\u0308nen. Wie denken Sie daru\u0308ber? Was bedeutet denn die Auswanderung von vier Millionen Ruma\u0308nen? Nach Syrien ist Ruma\u0308nien das Land mit der gro\u0308\u00dften Auswanderung in der letzten Zeit.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Sie haben es gerade erwa\u0308hnt: seit dem Regimewechsel sind sehr viele Ruma\u0308nen ausgewandert. Niemals zuvor hatte das Land so viele Einwohner in so wenig Zeit verloren. Diese Menschen leben noch aber nicht mehr hier. Sie werden nicht mehr zur\u00fcckkehren und werden keine Kinder hier haben. Wie beurteilen Sie den Regimewechsel in Ruma\u0308nien, welch ist dessen negativer Aspekt drei\u00dfig Jahre danach? Kann man ihn nicht wegen der vorhin erwa\u0308hnten Gru\u0308nden verurteilen? Wie beurteilen Sie das neue Regime, nicht nur in Ruma\u0308nien, sondern in allen ehemaligen sozialistischen La\u0308ndern?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Es gibt einen Standpunkt, demgema\u0308\u00df man den Preis dafu\u0308r zahlen solle, dass es einen Regimewechsel ohne Revolution gegeben habe, weil die Vera\u0308nderung sich dann durch eine langsame Transition vollziehen wu\u0308rde. In Ruma\u0308nien denkt man, dass es tatsa\u0308chlich eine Revolution gegeben hat und man ist stolz darauf. Sogar die ruma\u0308nische Verfassung ru\u0308hmt die Revolution doch in Wirklichkeit wurde diese beschlagnahmt. In Ruma\u0308nien hat es keinen Regimewechsel in der Tiefe gegeben. Das Land wurde privatisiert. Die gleichen, die schon an der Macht waren, haben sich u\u0308ber die materiellen Gu\u0308ter, die Positionen und die Informationen hergemacht und haben das alte Regime unter einer neuen Form wieder errichtet. Und heute sind diese Leute weiterhin an der Macht. Ich wiederhole es: Ruma\u0308nien verzeichnet einen Rekord, denn bei den letzten Wahlen hat die Restauration wieder stattgefunden. Derzeit ist es weiterhin eine KP-Nachfolgepartei, die PSD, die regiert. Ich denke also das, was die\u00a0<em>Societatea Timis\u0327oara<\/em>\u00a0(Temeschwarer Gesellschaft) auch behauptet, sprich dass es eines echten Regimewechsels bedarf. Die\u00a0<em>Societatea Timis\u0327oara<\/em>\u00a0erkla\u0308rt im Punkt 8 ihres Manifests aus dem Jahr 1990, dass man die ehemaligen Kommunisten und die ehemaligen Agenten der Geheimdienste aus der Macht verbannen soll. Ich glaube, dass dies in Tschechien am Tiefgreifendsten geschehen sei, in Ruma\u0308nien dagegen u\u0308berhaupt nicht.<\/p>\n<p>Die\u00a0<em>Societatea Timis\u0327oara<\/em>\u00a0ka\u0308mpft heute immer noch gegen den Kommunismus. Man bra\u0308uchte eine solche soziale, verfassungsrechtliche und politische Wende, damit Ruma\u0308nien bei Null wieder anfangen ko\u0308nne. Das betrifft auch die ungarische Gemeinschaft, die ihre Krise nicht wird beenden und sich schu\u0308tzen ko\u0308nnen, solange diese Wende nicht stattfindet. Leider hat uns Klaus Johannis ebenfalls entta\u0308uscht, wie wir auch hintereinander von allen neu verabschiedeten Gesetzen und von der ruma\u0308nischen Justiz entta\u0308uscht werden. Wir werden sta\u0308ndig mit der Korruption konfrontiert, die das alarmierendste Pha\u0308nomen des Postkommunismus ist. Wenn das alles nicht gelo\u0308st wird, dann wird Ruma\u0308nien im Chaos enden, genauso wie die Bukarester Politik, wo chaotische Zusta\u0308nde derzeit herrschen.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Sie kennen sich mit der Lage in Ungarn gut aus, Sie stehen dem Fidesz nah. Ich sage das, weil viele Leute in Ungarn sagen, dass der echte Regimewechsel 2010 stattgefunden hat und dass man zehn Jahre brauchte, damit der Regimewechsel wirklich stattfinde. Und seit der Einfu\u0308hrung von Viktor Orba\u0301ns Doktrin des Illiberalismus wurde die echte Wende vollzogen. Was braucht man, damit eine Wende in Ruma\u0308nien stattfinde, wie sie 2010 in Ungarn stattgefunden hat?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Die demokratischen Traditionen sind in Ruma\u0308nien sehr schwach. Eine alte konservative Gesellschaft mit orthodoxer Hierarchie hat in Ruma\u0308nien immer geherrscht. Deshalb sind die demokratischen Kra\u0308fte, die fu\u0308r die Vera\u0308nderung der Gesellschaft arbeiten, sehr schwach, wa\u0308hrend die aus der Ceaus\u0327escu-A\u0308ra stammenden post-kommunistischen Kra\u0308fte derma\u00dfen stark und selbstsicher sind, dass sie immer wieder neu entstehen. Sie fallen immer wieder auf die Beine und behalten die Macht. In dieser Hinsicht ist die Lage in Ruma\u0308nien ziemlich hoffnungslos. Ich mo\u0308chte mich nicht dazu zwingen, optimistisch zu sein. Ich vertraue allein dem lieben Gott. In diesem Land und woanders hoffe ich, dass die europa\u0308ischen und internationalen Beho\u0308rden einen Einfluss auf die Vera\u0308nderung der Auffassung und des Bewusstseins der ruma\u0308nischen Gesellschaft haben werden. Doch darauf wird man lange warten mu\u0308ssen. Die Ost\/West-Opposition, die sich in Europa gezeichnet hat, ist bei dieser Aufgabe nicht hilfreich.<\/p>\n<p>Wir ko\u0308nnen wir also nicht wie in der Vergangenheit auf die Integrationskraft der La\u0308nder Westeuropas und der Europa\u0308ischen Union bzw. auf einen demokratischen Schutz der Menschenrechte za\u0308hlen. Niemand kann sich allein vor dem Ertrinken retten. Wir ko\u0308nnen von dieser Lage nicht loskommen, wenn uns niemand hilft. Doch neigt die EU, wie man sieht, eher dazu, die ost- und mitteleuropa\u0308ischen La\u0308nder zu bestrafen statt ihnen Hilfe anzubieten. Sie versteht die Schwierigkeiten der ehemaligen kommunistischen La\u0308nder nicht. Der Kommunismus hat uns eine vollsta\u0308ndige Pleite hinterlassen und das ist es, wovon wir uns befreien mu\u0308ssen. Die Europa\u0308ische Union ist auch nicht in der Lage zu verstehen, was eine kommunistische Diktatur bedeutet. Im Jahr 2009 geho\u0308rte ich zu den Europaabgeordneten, die in einem Antrag verlangt hatten, dass man nicht mit zweierlei Ma\u00df messe. Der Kommunismus und der Nationalsozialismus sind zwei totalitaristische Systeme, die man gleicherma\u00dfen verurteilen soll. Man muss sich von beiden befreien. Doch ist Europa nicht in der Lage, klarzusehen und sich standhaft auszusprechen, was die ehemaligen kommunistischen La\u0308nder anbelangt. Sie ist voller Vorurteile, Unversta\u0308ndnisse und kolonialen Willens, was den Handel und die Vorherrschaft betrifft. Unsere Lage ist somit unsicher doch geht Ungarn mit gutem Beispiel voran: wenn Ost- und Mitteleuropa, der Block Mitteleuropa sich vereinen wu\u0308rde, und wenn dies sich an Ruma\u0308nien und den Westbalkan erweitern wu\u0308rde, und vielleicht auch an O\u0308sterreich, dann ha\u0308tten wir die Mo\u0308glichkeit, Vera\u0308nderungen zu erreichen.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Welchen Einfluss hat die Neubestattung von Imre Nagy und die Rede Viktor Orba\u0301ns auf die Ungarn in Ruma\u0308nien gehabt?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0In Temeschwar hatten wir das Glu\u0308ck, das ungarische und das jugoslawische Fernsehen empfangen zu ko\u0308nnen. Man muss wissen, dass damals am Ende der 1980er Jahre das ruma\u0308nische Fernsehen nur noch zwei Stunden pro Tag auf Sendung war und dass 80% dieser zwei Stunden dem Personenkult Ceaus\u0327escus gewidmet war. Jeder durstete nach Fernsehprogrammen. Und hier, entlang der Grenze hatten wir es geschafft, die ungarischen Sender zu empfangen und konnten somit das Begra\u0308bnis von Imre Nagy live und die Sendungen des ungarischen Senders\u00a0<em>Panora\u0301ma<\/em>\u00a0verfolgen, was fu\u0308r uns beinahe Augenblicke der Offenbarung waren. Wir hatten die Gelegenheit, die Interviews von Va\u0301clav Havel bzw. von Ko\u0308nig Michael I., dem ehemaligen Ko\u0308nig von Ruma\u0308nien anzuho\u0308ren.<\/p>\n<p>Also hier entlang der ungarischen Grenze von Temeschwar bis Frauenbach (<em>Baia Mare<\/em>) waren wir in einer privilegierten Lage. Doch Fernsehschauen wurde beargwo\u0308hnt und in manchen Fa\u0308llen bestraft. Die Antennen wurden abmontiert und es war nicht mo\u0308glich, es war nicht erlaubt, Satellitenschu\u0308sseln zu installieren, um ausla\u0308ndische Sender zu empfangen. Doch haben wir es trotzdem getan. Auch die Ruma\u0308nen schauten sich diese Sendungen an. Sie hatten nicht nur auf mich einen gro\u00dfen Einfluss. Ich verfolgte die Sendungen von\u00a0<em>Panora\u0301ma<\/em>\u00a0und das Begra\u0308bnis Imre Nagys von A bis Z. Es war eine gro\u00dfartige Erfahrung. Es war eine solide Motivationsbasis in dem Kampf, den wir fu\u0308hrten und, ich muss es zugeben, fu\u0308r die Ruma\u0308nen auch. Die ungarischen Sendungen hatten diese Wirkung auf die Einwohner von Temeschwar. Wir hatten das Gefu\u0308hl, uns dem Kampf fu\u0308r die Freiheit der La\u0308nder Ost- und Mitteleuropas anzuschlie\u00dfen. Und so begann das Dominoeffekt. Die kommunistischen Regimes sind alle hintereinander gestu\u0308rzt worden bzw. besser gesagt sind die kommunistischen Ex-Diktaturen lockerer geworden. So konnten wir die Ereignisse in Polen und in Ungarn bzw. den runden Tisch der Opposition und die Entwicklung in der Tschechoslowakei verfolgen. Und das hat uns Hoffnung und Vertrauen fu\u0308r uns hier gegeben. Somit gibt es eine Verbindung zwischen den sukzessiven Ereignissen dieser Zeit und der Wende in Ruma\u0308nien.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Und welche Erinnerung haben Sie von der Rede Viktor Orba\u0301ns?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Ich fand Viktor Orb\u00e1ns Rede zu mutig. Ich geho\u0308rte zu denjenigen, die terrorisiert waren, oder eher \u2013 ich u\u0308bertreibe \u2013 die Angst hatten. Bis wohin konnten wir es mit der Redefreiheit treiben? Vergessen Sie nicht, dass ich das alles von einem Loch aus beobachtete, als ob ich das von einem Gefa\u0308ngnis aus verfolgt ha\u0308tte, und ich wusste, welches Risiko eine solche Rede hier darstellte und welches Risiko es dort darstellte. Ich fand, dass diese Rede sehr riskant war, doch, wie die Folge es zeigen sollte, war diese Rede notwendig und auf gleichem Niveau wie das \u201e<em>Auf Magyaren!<\/em>\u201c vom 15. Ma\u0308rz 1848.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>In den 2000er Jahren war die Situation ziemlich chaotisch hier in der Region, besonders fu\u0308r die hier bzw. in der Slowakei lebenden ungarischen Minderheiten. Erinnern wir uns daran, dass die diplomatische Lage dazu gefu\u0308hrt hatte, dass dem ungarische Pra\u0308sident La\u0301szlo\u0301 So\u0301lyom nicht erlaubt wurde, die Slowakei zu betreten. Viktor Orba\u0301n, der im Westen o\u0308fters negativ als ein Nationalist gesehen wird, hat es durchgebracht, dass die au\u00dferhalb Ungarns lebenden Ungarn die ungarische Staatsbu\u0308rgerschaft und ungarische Pa\u0308sse erhalten. Wie wurde dies mo\u0308glich? Nun sehen wir auch, dass Bru\u0308cken in dieser Region aufgebaut wurden. Wir nehmen schon die Fr\u00fcchte davon wahr. Wie wurde dies mo\u0308glich? Wie hat er das realisieren ko\u0308nnen?<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Meine tiefe U\u0308berzeugung in Bezug auf die Minderheitenpolitik ist, dass man Mut braucht. Nicht nur im Karpatenbecken, nicht nur bezu\u0308glich der ungarischen Frage, sondern auf europa\u0308ischer Ebene. Es gibt eine Ignoranz, eine Gleichgu\u0308ltigkeit und eine Interessenlosigkeit, die die Frage der historischen Minderheiten auf europa\u0308ischer Ebene belasten. Man muss wissen, dass in der Europa\u0308ischen Union beinahe 10% der Bevo\u0308lkerung bzw. mindestens 7-8% einer ethnischen Minderheit angeho\u0308ren. Wir sind in etwa 50 Millionen in der Union, aber es wird eine gro\u0308\u00dfere Aufmerksamkeit fu\u0308r Tierschutz bzw. fu\u0308r Umweltschutz geschenkt, was derzeit im Fokus der Debatten liegt, als fu\u0308r den Minderheitenschutz. Auf dieser Weise werden wir ohne Mut im Bereich Minderheitenschutz nicht vorwa\u0308rts kommen, denn die Minderheiten allein sind zu schwach, um ihre Rechte zu verteidigen.<\/p>\n<p><strong>Ferenc Alm\u00e1ssy:\u00a0<\/strong><em>Man merke, dass die Rechte der nicht-europa\u0308ischen Minderheiten heute in Europa gut vereidigt werden, vor allem in Westeuropa.<\/em><\/p>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:<\/strong>\u00a0Ja, es liegt da ein gro\u00dfer Unterschied. Dieses Pha\u0308nomen sticht besonders ab, da wir zehnmal, wenn nicht fu\u0308nfzehnmal zahlreicher sind als die nicht-europa\u0308ischen Minderheiten, die eingewandert sind.<\/p>\n<p>Sie sind, wenn ich nicht irre, um die 35 Millionen. Das ist es, was die aktuellen Daten sagen. Wir sind also zwar nicht zehnmal aber immerhin zahlreicher als sie. Man kann sehen, dass die historischen Minderheiten sich in einer Lage befinden, die man mit derjenigen der eingewanderten Minderheiten nicht vergleichen kann. Und trotzdem wird Einwanderung als eine zentrale Frage in Europa betrachtet und es droht deswegen eine Krise in Europa, wa\u0308hrend die Frage der Minderheiten verschwiegen wird. Deshalb, denke ich, dass eine radikale Wende beno\u0308tigt wird bzw. dass man Mut in dieser Frage braucht, weil wir ohne europa\u0308ischer bzw. internationaler Hilfe nicht in der Lage sind zu u\u0308berleben. Man kann sehen, wie gefa\u0308hrdete Sprachen verschwinden. Wenn dies so weitergeht, dann werden Dutzende von Sprachen verschwinden und Sprachgemeinschaften werden in ganz Europa vernichtet werden.<\/p>\n<p>Wir befinden uns also in den letzten Stunden. Die Assimilation hat sich beschleunigt, ebenfalls die Globalisierung und die Internationalisierung. Wir Ungarn mu\u0308ssen in dieser Situation vor allem auf den ungarischen Staat za\u0308hlen. In dieser Hinsicht ist die Hilfe der Regierung Orba\u0301n entscheidend. Es ist falsch, Orba\u0301n als Nationalist zu bezeichnen, er ist ho\u0308chstens ein Patriot. Die Nationalisten sind diejenigen, die unsere Leben gefa\u0308hrden. Die slowakische Politik, die ruma\u0308nische Politik und die politische Praxis dieser La\u0308nder gefa\u0308hrden uns. Die Regierung Orba\u0301n will uns vor diesem aggressiven Nationalismus schu\u0308tzen. Der Nationalismus der Ungarn ist defensiv. Man ko\u0308nnte von einem auf Selbstverteidigung basierten Nationalismus reden. Allerdings genu\u0308gt es nicht, dass Ungarn uns verteidigt, denn Ungarn muss sich selbst verteidigen.<\/p>\n<p>Eine Verteidigung durch die Gemeinschaft der Nationen wa\u0308re notwendig. Auf jenem Gebiet sind wir sehr entta\u0308uscht. Als ich zum Europaabgeordneten gewa\u0308hlt wurde, war mein Wahlkampfspruch:\u00a0<em>Die Union mit Siebenbu\u0308rgen<\/em>. Dass Siebenbu\u0308rgen sich der Union und schlie\u00dflich diesem gro\u00dfen Raum anschlie\u00dfe. In dieser Weise ha\u0308tten wir die Mo\u0308glichkeit zu u\u0308berleben bzw. die regionalen und ethnischen Minderheiten ebenfalls. Auf diesem Punkt wurden wir mit feindlichen Reaktionen konfrontiert und mussten uns dafu\u0308r anstrengen \u2013 das ist nunmehr das, wofu\u0308r wir nun ka\u0308mpfen \u2013 darauf zu wirken, dass die ungarische Frage eine europa\u0308ische Frage werde. Das heutige Ungarn hilft uns dabei.<\/p>\n<div>\n<div><\/div>\n<p>Photo : Visegr\u00e1d Post<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit dem siebenb\u00fcrgischen kalvinistischen Bischof L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s:\u00a0 \u201eEs widert es mich an, wie das Paar Ceaus\u0327escu behandelt wurde, aber sie haben es verdient\u201c. L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s ist eine der Hauptpers\u00f6nlichkeiten der Rum\u00e4nischen Revolution, die zum Sturz des Ceau\u0219escu-Regimes f\u00fchrte. 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