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Europa am Rande des Abgrunds (einschließlich Polen): Die Quellen der Atheisierung des Alten Kontinents

Sovereignty.pl ist ein englischsprachiges konservatives Portal, wo polnische Kolumnisten und Kommentatoren über die großen Themen schreiben, die die öffentliche Debatte in ihrer Heimat antreiben.

Lesezeit: 5 Minuten

Wenn es darum geht, die Ursachen für die Atheisierung Europas zu erklären, werden oft die Jahrhunderte des politischen und intellektuellen Drucks vergessen, die Religion aus dem Leben unserer Gesellschaften auszuschließen. Die Normalisierung der politischen Gewalt gegen die Religion – getarnt unter Slogans wie Demokratisierung und Säkularisierung des Staates – ist überall spürbar.

Dieser Artikel von Tomasz Rowiński, Chefredakteur der Zeitschrift Christianitas und der Website christianitas.org, wurde in englischer Sprache auf Sovereignty.pl veröffentlicht. Um die vollständige englische Version auf Sovereignty.pl zu lesen, klicken Sie bitte hier.

 

In den verschiedenen Meinungen, die man über die fortschreitende Säkularisierung und Atheisierung Europas lesen kann, wird vor allem auf die individuellen Motive verwiesen, die diesem Phänomen zugrunde liegen. Es entsteht der Eindruck, dass die Religion auf gesellschaftlich natürliche Weise an Glaubwürdigkeit verliert, während Wissenschaft, Wohlstand und andere symbolische Systeme, die dem Leben mehr Sinn verleihen, zunehmend an Bedeutung gewinnen. Kaum erwähnt wird der politische und intellektuelle Druck, der in den vergangenen Jahrhunderten ausgeübt wurde, um die Religion – zunächst den Katholizismus und dann das Christentum im Allgemeinen – aus dem Leben der Menschen zu verdrängen. Unter den sehr unterschiedlichen Erklärungen für den Rückgang der Religiosität in Europa wird dieser politische Grund am häufigsten verschwiegen. Das ist insofern nicht überraschend, als die Verantwortung für die Anwendung von mehr oder weniger getarnter Gewalt gegen religiöse Institutionen bei denselben progressiven Kräften liegt, die heute die europäische Politik dominieren.

Die Normalisierung der politischen Gewalt gegen die Religion – getarnt unter Slogans wie Demokratisierung und Säkularisierung des Staates – ist überall spürbar. Selbst in einem Land wie Polen fordern nicht mehr nur Linke, sondern auch Liberale, dass der Katechismus an öffentlichen Schulen abgeschafft werde. Doch noch vor nicht allzu langer Zeit, im Jahr 1961, als die in Polen regierenden Kommunisten den Katechismus in der Schule beendeten, wurde dies als Angriff auf die polnische Nation betrachtet. Es ist klar, dass diese Art von Entscheidung nicht einfach eine politische Entscheidung war, sondern darauf abzielte, einen Prozess der Schwächung der religiösen Erziehung unter den jüngeren Generationen einzuleiten. Eine Erziehung, die als gegenkulturell empfunden wurde und heute auf ganz ähnliche Weise wahrgenommen wird.

Heute wird natürlich alles mit dem demokratischen Gebot gerechtfertigt. Als die Polen mit der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft zu einer der aktivsten Nationen Europas wurden, wurde klar, dass die Religiosität zumindest bis zu einem gewissen Grad abnehmen würde. Die Gründe dafür schienen einfach zu sein. Zunächst einmal verengt das verständliche Streben nach Reichtum die Wahrnehmung des Lebens und säkularisiert seine Ziele. Ein solches Phänomen wurde bei den amerikanischen Protestanten während des gesamten 19. und 20. Jahrhunderts beobachtet und von Soziologen beschrieben. Für die Bürger der Neuen Welt wurde Reichtum zunächst zu einem Zeichen des göttlichen Segens, bevor er sich zu einem Selbstzweck entwickelte. Darüber hinaus veränderte der Kapitalismus das Verhältnis zwischen der Zeit, die für die Arbeit, und der Zeit, die für andere Aktivitäten aufgewendet wurde. Infolgedessen ist die religiöse Weitergabe innerhalb der Familien in Polen weitgehend unterbrochen worden, was die Religiosität der jüngeren Generationen sehr geschwächt hat. Dieses Phänomen, das sich innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums vollzieht, war bereits in anderen Teilen Europas oder Amerikas aufgetreten, allerdings oft unter etwas anderen Bedingungen und mit einer etwas anderen Dynamik. Tatsächlich hat auch in Polen der politische Druck, die Religion aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, zugenommen, da die Zahl der Gläubigen immer geringer wird. Stattdessen wurden und werden verschiedene Ideologien gefördert, die zwar noch mehr in der Minderheit sind als die christliche Religion, aber die Interessen zumindest eines Teils der politischen Eliten besser vertreten. So wird beispielsweise Druck ausgeübt, damit die Verbreiter dieser Ideologien Zugang zu öffentlichen Schulen erhalten. Dieser Mangel an Symmetrie und Gerechtigkeit, mit dem die Religion im modernen Gesellschaftssystem behandelt wird, ist keineswegs natürlich. Es handelt sich um eine Art tief verwurzelte Diskriminierung des Christentums in Europa, die ihre Wurzeln in mehreren Jahrhunderten der Ausrottung der Religion, aber auch in der Schwächung der kirchlichen Institutionen hat.

Man könnte die Zitate von Soziologen vermehren, für die das Problem der Religion eine Art Blackbox bleibt, deren Elemente sich dem Verständnis entziehen. „Man kann von einer Entfremdung von der institutionellen Religiosität sprechen; die Jugendlichen nehmen nur ungern an den traditionellen Formen teil. Es gibt etwas, das ihnen nicht passt, was nicht bedeutet, dass ihre Religiosität nicht in anderen Formen zum Ausdruck kommt“, erklärte die Religionssoziologin Marta Kołodziejska in Polen nach der Veröffentlichung der Ergebnisse des European Social Survey (ESS) 2020. Tatsächlich klärte Kołodziejska nichts, indem sie behauptete, dass es für junge Menschen „etwas gibt, das ihnen nicht passt“. Dabei scheint die wahre Erklärung ziemlich offensichtlich: Der lange Prozess der Entwurzelung der europäischen Völker von ihrer christlich-religiösen Kultur führt dazu, dass die nachfolgenden Generationen einfach nicht mehr die Sprache – rituell, theologisch, philosophisch – verstehen, die die Grundlage für die geistige Bildung des europäischen Geistes war. Gleichzeitig ist seit dem 20. Jahrhundert ein Prozess der Frömmigkeitserneuerung innerhalb des Katholizismus zu beobachten, und diese Erneuerung gründet sich gerade auf die älteren katholischen Traditionen, sowohl ritueller als auch theologischer Art. Dieser Prozess entstand in Form einer elitären „liturgischen Bewegung“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Persönlichkeiten wie den Franzosen Dom Prosper Guéranger, den Restaurator des Benediktinerordens, und breitete sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf einen viel größeren Kreis katholischer Intellektueller aus. Man kann also davon ausgehen, dass die Fähigkeit, religiöse Inhalte zu verstehen (oder nicht zu verstehen), ein wichtiges Element der individuellen Religiosität ist. Wenn die Religion jedoch aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird, wird sie auf der Ebene der Statistik schwächer.

Wenn wir uns die Dokumente anschauen, die das Zweite Vatikanische Konzil in den 1960er Jahren den Katholiken hinterlassen hat, stellen wir fest, dass das erste davon die Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ ist, bei der eine wichtige Forderung darin bestand, das katholische Ritual verständlicher zu machen. Dies kann als ein Versuch angesehen werden, sowohl der religiösen Erosion als auch den Auswirkungen der antireligiösen Gewalt entgegenzuwirken, die in Europa zunehmend verheerende Ausmaße annahm. Die Beschlagnahmung kirchlicher Schulen, die Zerstörung religiöser Gebäude, die Zerstreuung von Mönchen, die Ermordung von Priestern, die unverschämte Einmischung weltlicher Herrscher in religiöse Angelegenheiten, die Entfesselung von Kriegen unter dem Banner der Religion: All das geschah in Europa mindestens ab dem 16. Jahrhundert und war Teil einer offen antireligiösen Gewalt. Wenn wir also heute Diskussionen über den „Tod Gottes“ erleben – eine Debatte, die seit Jahrzehnten andauert –, dürfen wir ihren weitgehend abstrakten Charakter nicht vergessen. Die Religiosität von Nationen und Einzelpersonen ist in der Kultur verwurzelt. Die Überlegungen von Philosophen und Theologen, die ohne Berücksichtigung dieser Tatsache stattfinden, lenken die Öffentlichkeit nur von den wahren Gründen für den Rückgang des religiösen Glaubens ab.

(…)

Die politische Unterstützung, die Papst Franziskus heute der abtreibungsfreundlichen und in gesellschaftlichen Fragen linksradikalen Demokratischen Partei der USA zuteil werden lässt, scheint die Fortsetzung eines Zerfallsprozesses des Katholizismus zu sein, der die Glaubwürdigkeit der Religion untergräbt, indem er sie auf einen parteiischen Irrationalismus reduziert, der genau mit dem antireligiösen Narrativ der Moderne übereinstimmt. Man könnte sogar sagen, dass die Kirche selbst sich der systemischen und institutionellen Gewalt der westlichen Zivilisation gegen sich selbst anschließt. Auf diese Weise bestätigt die Institution Kirche in den Augen der Öffentlichkeit nur ihre Überflüssigkeit und die Unvermeidlichkeit ihres Untergangs, von dem viele überzeugt sind. Diese Art von getarnter antireligiöser Gewalt ist eines der inhärenten Merkmale der liberalen Moderne.

Vollständige Fassung (in Englisch) auf Sovereignty.pl.

Übersetzung: Visegrád Post