Ostern in Ungarn

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Von Bernadett Boór.

An der Kassa im Lebensmittelgeschäft wird man nicht überrascht sein, Kaugummi, Batterien oder Schokolade zu sehen… aber Duftwasser? Warum gibt es denn an der Kassa kurz vor Ostern Wasser, das nach Maiglöckchen, Jasmin oder Lavendel duftet?

Man soll wissen, dass der „locsolkodás“ – wortwörtlich das Begießen – heutzutage weiterhin in Ungarn verbreitet ist. Früher wurden zwar alle Mädchen im Dorf begossen, damit sie am Ostermontag zu schönen Blumen werden. Der Brauch wird heute weniger praktiziert, – vor allem in den Großstädten – aber eigentlich, Gott sei dank, scheint dieser Volksbrauch eine echte Wiedergeburt zu erleben. Genauso wie die große Volkstanztradition durch die „táncház“-Bewegung – eine Art Volksbälle – überlebte, so scheint auch das Osterbegießen in die Stadt zu übersiedeln und dessen soziale Dimension könnte dadurch fortbestehen.

Was ist aber denn dieser „locsolkodás“? Mit einer Flasche Duftwasser oder – mit der verwahrlosten Eleganz der alten Schule – mit einem Eimer voll Wasser in der Hand laufen die jungen Burschen von Haus zu Haus, und so wie jeder gute Winzer seine Weinstöcke überprüft, lauern sie nach jedem Mädchen, das freilich auch auf sie wartet.

Der Brauch ist in manchen Dörfern zur einer touristischen Attraktion geworden. Bild: Wikipedia

Eigentlich ist es eine heidnische Tradition, aber genauso wie viele heidnischen Bräuche haben wir sie im Rahmen der christlichen Feste bewahrt, und vielleicht ist diese Gewohnheit des „locsolkodás“ in den Kirchentraditionen und -symbolen mehr verankert, als man glauben könnte… Mit Wasser begießen ist seit Urzeiten ein Sinnbild für Bereinigung. Seit der Taufe Christi wurde es zum Höchsten erhoben, doch im Prinzip ist es gleich geblieben: man wäscht damit seine Vergangenheit und wird zu einem neuen, sauberen, wahren Menschen. Übrigens finden die Erwachsenentaufen oft zu Ostern statt!

Als Gegenleistung für das Begießen schenken die Mädchen den Begießern ein Ei. Dieses Ei hingegen ist ein Symbol für die Wiedergeburt, die Fruchtbarkeit und das neue Leben, und seit Jesus Christus auch für die Auferstehung.

Ostereier. Bild der Autorin.

Die kleinsten Männlein sind stolz die Mädchen begießen zu dürfen, während sie unbeholfen ihren Reim hersagen, indem sie um Erlaubnis bitten. In den heutigen Zeiten, wo die menschlichen Beziehungen und die Gemeinschaften abbröckeln, sind diese Traditionen ganz besonders wichtig. Wie einer meiner Begießer es mir im Vorjahr sagte, ist es der einzige Tag, wo man sicher ist – über das „face control“ hinaus – einander zu sehen, miteinander zu reden und einander zu hören… und dies auch wenn der Lauf des Lebens uns voneinander entfernt hat. Traditionell bereiten die Mädchen rote Eier für die Begießer vor. Es ist ihr Geschenk, um sich für diese Aufmerksamkeit zu bedanken. Eine Zeitlang schenkten sie allgemein Schokolade oder auch Geld, aber nach und nach –genauso wie in der „táncház“-Bewegung – kommt man zu den alten Gewohnheiten zurück und zu den nach alten Techniken bemalten und geritzten Eiern, mit natürlichen Farben und althergebrachten Mustern. Vor Ostern tauschen die Mädchen ihre Tricks um Muster auf die Eier zu drucken, wie z.B. die Eier in einem Zwiebelsaft mit Essig zu kochen, oder vorgefertigte Schablonen zu benutzen, oder Bienenwachs für manche Muster zu benutzen. Dieses Wissen geht von Mund zu Mund: wie macht man es, damit die Zwiebelschale die Eier besser färbe? wo bekommt man die weißesten Eier? Wie macht man bunte Eier? Oder lernt man die Eier durch ein kleines Loch zu leeren, durch das der Faden durchgehen wird… Pff, schon 10 Eier geleert, bleiben noch fünf… Wir werden es schon schaffen!

Manche ritzen Dekorationen in das bemalte Ei ein. Bild der Autorin.

Der „locsolkodás“ ist eine in Ungarn so gut aufbewahrte Tradition, dass vor den Osterferien die Burschen sich von den Mädchen ihrer Klasse verabschieden, indem sie ihnen „viele Begießer“ wünschen! Und die Mädchen bereiten sich gehörig vor: in den Tagen zuvor treffen sie zusammen, backen die Kuchen für die Gäste, bemalen die traditionellen roten Eier: die gekochten oder geleerten, aber dekorierten Eier, die man für das Begießen schenkt, wenn auch sie nicht immer bis zum Nachmittag überleben; mit all den umgekippten Eimern im Laufe der Treffen wird der Boden bald rutschig. Die Eier in den Taschen der Burschen machen jedoch oft das Glück ihrer Mütter, die am nächsten Tag über ihren köstlichen Auflauf aus Kartoffeln und bunten Eiern prahlen können!

Bild der Autorin.

Die Begießer gehen dann nacheinander oder gruppenweise durch die Tür. Diejenigen, die fahren, werden freilich vielleicht einen hausgemachten Holundersaft kosten können. Wie? Sie mögen den Nußkuchen? Ein Rezept von meiner Oma! Lassen Sie es sich schmecken!

Und nun strahlen wir, sind manchmal gar unfähig zu reden und finden Freunde aus der Volksschule wieder… aber gerade hat man die Zeit etwas über ihre Familien zu erfahren, dass sie wieder weg müssen; andere warten auf sie und es ist unanständig am Nachmittag anzukommen, denn dann wird man selber von den Mädchen begossen! So machen sich unsere Freunde wieder auf den Weg, aber nicht ohne eine Abschiedsrunde. Und freilich, wie sollte man nicht den „Jánosáldás“ kosten – den „Segen Johannes’“, einen gesegneten Wein, den man den Gästen zum Abschied gibt. Selbstverständlich wird kein Mädchen in Ungarn die Schande erleiden wollen, ihre Begießer gehen zu lassen, ohne ihnen zuvor eine kleine hausgemachte „pálinka“ – einen Obstler – eingeschenkt zu haben.

Es ist wichtig alle Frauen zu begießen, damit keine welke. Früher betraf die Tradition allein die Mädchen, doch heute erspart sie auch die Omas nicht… die allerdings mit Zärtlichkeit wie zierliche Blümchen begossen werden sollen.

Man sieht also diese Gruppen von Burschen in allen Gassen mit einer Flasche oder einem Eimer in der Hand… freilich bereiten sich die Mädchen immer eine Ersatzkleidung vor… aber, den Burschen zur Ehre lernen sie alle auswendig einen zum Begießen passenden Reim und nicht selten schreiben sie ihn selber. Die Tradition bewahrt sich von selbst. „Selbstverständlich schreibe ich jedes Jahr einen neuen Reim. Ihr Mädchen habt ja einen ganzen Tag damit verbracht, diese wunderschönen Eier für mich zu malen. Und ich bekomme immer prächtige rote Eier! Ich kann doch das auch für Euch machen, oder?“ sagte mir letztes Jahr einer meiner Begießer.

Bis spät in die Nacht hinein, wenn es sein muß, bereiten die Mädchen die Eier für den Ostermontag vor! Bild der Autorin.

Und dann am Abend, wenn alle wieder zu Ruhe gekommen sind, finden im ganzen Land „Begieß-Bälle“ statt. Dies betrifft jedoch nur die traditionellsten Kreise und die Dorfgemeinschaften. Alle, die es wollen, treffen sich also um bis zum nächsten Morgen unter Begleitung von Volksmusik zu tanzen.

Es ist interessant zu bemerken, dass das christliche Ostern und die Tradition des Begießens so sehr verschmolzen sind, dass ein Pfarrer aus Westungarn sogar eine eigene „Begießensegnung“ etabliert hat, die darin besteht, am Morgen des Ostermontags mit heiligem Öl ein Kreuz auf die Stirn der Frauen zu zeichnen.

Zu Ostern können die frommsten das Triduum in heiligen Stätten, in Kirchen oder in von der Kirche verwalteten Zentren verbringen. Es gibt viele dieser Orte und die Gläubigen werden dort für die Liturgie und die Anbetungen erwartet. Manche gehen mit der Familie hin, andere mit Freunden, aber in dieser Vorosterzeit geht es nicht um die Gemeinschaft, sondern um sich selbst, um die eigene Seele. Wer nicht an den Exerzitien teilnimmt, besucht dagegen die Ostermesse, die immerhin die wichtigste in der Christenheit ist. Am dritten Tag nach der Auferstehung kommen die Feste im Familienkreis: es ist die Zeit des Schinkens mit dem Kren – das erste mal, dass man nach dem Fasten wieder Fleisch ißt. Ein Muß für die Osterdekoration sind die Weidenzweige, die zuvor am Palmsonntag gesegnet wurden und die Palmblätter und Olivenzweige ersetzen, mit denen man Jesus bei seiner Ankunft in Jerusalem damals empfangen hatte. Auf diesen Zweigen hängen wir die schönsten Eier, die wir im Laufe der Jahre gesammelt haben.

Für die Kleinsten versteckt man oft auch „Nester“ im Garten am Ostermorgen, damit diese sie suchen können. In die Nester legt man Hasen und Eier aus Schokolade. Dagegen, um zu wissen, wieso die Hasen in Ungarn – wie in Deutschland auch – Eier legen, und was dort die Beziehung zum Begießen ist, sollte man – denke ich – die jungen Burschen fragen, die am Nachmittag des Ostermontags taumelnd und einander helfend nach Hause zurückzukehren versuchen. Apriori sollen sie die Antwort kennen… aber es fragt sich, ob sie imstande sind diese noch zu sagen.

Dieser Artikel wurde für die Visegrád Post verfaßt und auf Ungarisch auf dem Blog der Autorin veröffentlicht.

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