Als Franco in Ungarn eingreifen wollte

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Von Nicolas Klein, Dozent für Spanisch, ehemaliger Student der École Normale Supérieure in Lyon, Spanischlehrer für Vorbereitungsklassen bzw. Experte für das zeitgenössische Spanien.

Das Ferne retten, das Nahe rechtfertigen – das franquistische Spanien gegenüber der ungarischen Revolution von 1956

Zwei Europas, zwei Welten? – Allgemeine Feststellung

Es scheint beim ersten Blick wenig offensichtlich, sinnvolle und zukunftsträchtige Entwicklungen bezüglich zweier so unterschiedlichen Länder wie Spanien und Ungarn vorschlagen zu wollen. Apriori werden Madrid und Budapest von allem entzweit: von der geografischen und historischen Entfernung, von den kulturellen Unterschieden, vom Nichtvorhandensein starker wirtschaftlichen Verbindungen, usw.

Gleichermaßen, während die Visegrád-Gruppe insgesamt den Gedanken von Flüchtlingsquoten ablehnt, zeigte das Spanien des Sozialisten Pedro Sánchez ein anscheinend offenes Gesicht, indem es die Aquarius im Hafen von Valencia im Juni 2018 empfing. Der spanische Ministerpräsident ist somit zu einem Verbündeten des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron in dieser Frage geworden. Auch wenn Pedro Sánchez seine Meinung schnell revidierte, da er von den Migrantenflüssen überflutet wurde, hat sich dieses Image doch wohl in den europäischen Köpfen verankert.

All diese Elemente können denken lassen, dass Spanien und Ungarn seit der Neuen Zeit zu „unversöhnlichen“ bzw. mindestens sehr unterschiedlichen Lebensräumen gehören. Nichtsdestotrotz hat eine wenig bekannte Episode der gemeinsamen Geschichte die beiden Nationen im Jahr 1956 näher gebracht: der Wille Madrids zu einem militärischen Eingreifen während des ungarischen Aufstands, der zwischen dem 23. Oktober und dem 10. November jenen Jahres stattfand. Spanien ist vielleicht der einzige westliche Staat und Verbündete der USA, der ernsthaft überlegt habe, sich am Konflikt zu beteiligen, um den ungarischen Aufständischen aus Gründen zu helfen, die apriori aufgrunddessen, was wir gerade vorgetragen haben, ziemlich unklar sein könnten.

Der ungarische Aufstand von 1956, ein Spiegel des spanischen Bürgerkriegs?

Die Legitimität des franquistischen Regimes mit der eigenen Position Francisco Francos beruht großteils auf den Antikommunismus und den Antisowjetismus, die die Grundlage für den Bürgerkrieg gelegt hatten. Am Anfang des Jahres 1939 zögernde der künftige Diktator nicht, sich wie folgt gegenüber dem Journalisten Manuel Aznar auszudrücken: „Wir müssen mit den zahlreichen perversen Aktionen fertig werden, die von außerhalb gegen unser Volk geplant werden. Die Absicht Russlands, Sowjetrusslands, uns zu desintegrieren, und zu korrumpieren, ist immer noch aktuell. Alle zusammen für die Größe Spaniens“.

Der Gedanke der Fortsetzung der christlichen und konservativen „Gegenrevolution“ gegen die kommunistische „Subversion“ konnte daher einem Teil der Behörden der Diktatur nur gefallen, besonders wenn die Sowjetunion unmittelbar eingriff, um sich in einem ihrer Satellitenstaaten durchzusetzen. Das Infragestellen der Leitprinzipien des Ostblocks war für Moskau im Rahmen ihres Kampfes gegen Washington de facto völlig unannehmbar.

Doch das Spanien von Franco, das den Kommunismus offen als einen „Feind der christlichen Zivilisation“ betrachtete, war an den Ereignissen in Ost- und Mitteleuropa nicht unbeteiligt. Im August 1952 von Alfredo Sánchez Bella gegründet diente das Europäische Zentrum für Dokumentation und Information als Treffpunkt der Emigranten aus dem Ostblock südlich der Pyrenäen. Ferner leitete ein ungarischer Einwanderer, Francisco de Marosy (Ferenc Marosy), die halboffizielle Vertretung seines Landes in Madrid, eine Institution, die in der Zeit der Ereignisse von Budapest eine außergewöhnliche Rolle spielen sollte.

Marosy war zuvor der Vertreter der ungarischen Krone in Helsinki gewesen und war ein Vertrauter der Habsburger Dynastie. Er war gerade im Amt in Finnland, als die diplomatischen Beziehungen zwischen Madrid und Budapest am 25. April 1945 suspendiert wurden und er sich in der Folge für Spanien entschied.

Jahrelang als wichtiger Vermittler zwischen Ungarn und der iberischen Halbinsel tätig spielte Marosy ebenfalls eine große Rolle, wenn es hieß, exilierte Monarchisten aus seinem Heimatland zu empfangen.

Ab Oktober 1956 wurde eine großangelegte humanitäre Hilfsaktion von Spanien organisiert: für diejenigen, die vor den Kämpfen in Ungarn flohen (und von denen viele die österreichische Grenze überquert hatten) wie für diejenigen, die das Land nicht hatten verlassen können. Madrid hatte entschieden, Mehl, Reis, Kleidung, Medikamente bzw. Alltagsgegenstände zu schicken, um den unmittelbaren Bedarf der betroffenen Bevölkerung decken zu können. Doch viele ungarische Organisationen im Ausland meinten, dass allein Spanien weitergehen und sich militärisch in den Konflikt einsetzen konnte, ohne den Status quo des Kalten Krieges in Frage zu stellen. Der damalige spanische Außenminister Alberto Martín-Artajo erhielt zahlreiche Anträge in diesem Sinne seitens der ungarischen Aufständischen.

Es ist bei der UNO, dass Spanien sich zuerst am aktivsten bezüglich der „ungarischen Frage“ zeigte dank der Arbeit einer Delegation, die aus Diego Buigas de Dalmau, Jaime de Piniés und ganz besonders José Felix de Lequerica bestand. Die Gelegenheit war für den Franquismus beinahe perfekt, der im ungarischen Aufstand für Spanien als Speerspitze im Kampf gegen den Kommunismus den Mittel sah, das Prestige wiederzuerlangen, das es nach dem nationalistischen Sieg am Ende des Bürgerkriegs völlig verloren hatte.

Es ist wahrscheinlich das, was Francisco Franco dazu brachte, das Projekt einer Militärintervention in Ungarn gegen die sowjetischen Truppen zu schmieden. Der Diktator wusste jedoch, dass eine solche Initiative ohne die Zustimmung des damaligen US-Präsidenten Dwight Eisenhower nicht gelingen konnte. Doch verhielt sich Washington seit dem 23. Oktober äußerst vorsichtig bezüglich der Unruhen in Budapest. Die amerikanischen Behörden protestierten zwar förmlich, doch durch ihr Zögern und Nichtstun erkannten sie praktisch, dass die UdSSR eine Art „moralisches Recht“ über Ost- und Mitteleuropa aufgrund der Teilung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg habe.

Das amerikanische Verhalten hat vorerst Spanien nicht davon abgehalten, eine militärische Antwort auf die sowjetische Invasion in Ungarn vorzubereiten. Man muss sagen, dass es – wie wir es gesehen haben – ganz besonders zum Ziel der Aufrufe der Aufständischen wurde, die in ihm eine letzte Hoffnung sahen, wenn nicht zu siegen, so zumindest die UdSSR zu zwingen, die Neutralität ihrer Nation anzuerkennen.

Am 4. November gab Francisco Franco angesichts der sowjetischen Intervention seine Zustimmung, um die Aufständischen mit Panzerabwehrwaffen zu beliefern. Am nächsten Tag bestätigte Martín-Artajo die kostenlose Lieferung dieser Waffen bzw. von zehntausend Gewehren und Granaten, doch war die amerikanische Hilfe in diesem Zusammenhang unentbehrlich. Deswegen war die Enttäuschung Marosys ohnegleichen, als Washington es ablehnte, sich in diese Operation einzusetzen, die Eisenhower als riskant betrachtete.

Das ursprüngliche Ziel war, Flugzeuge in Spanien starten zu lassen, eine logistische Unterstützung der USA in München zu bekommen (wo sie über einen wichtigen Militärflughafen verfügten) und die Güter in die Gegend vom ungarischen Steinamanger (Szombathely) unweit der österreichischen Grenze zu bringen. Es handelte sich um eine großangelegte Operation, die von Spanien und ihren ungarischen Kontaktpersonen minutiös vorbereitet worden war. In letzter Minute befahl aber der amerikanische Stab seinen in Bayern stationierten Truppen, unter keinen Umständen zu handeln, was zum sofortigen Rückzieher Deutschlands, Österreichs und der Schweiz führte.

Am 6. November hörten die spanischen Behörden auf zu betrachten, dass eine Rettungsmission für das ungarische Volk erfolgreich geführt werden könnte. So endete im Lärm und in der Wut der Geschichte der franquistische Hilfsversuch zugunsten des aufständischen Ungarns, der dazu hätte beitragen sollen, die Aktion Francisco Francos an der Spitze seiner Nation zu legitimieren.

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