Was ist aus dem polnischen Schiefergas geworden?

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Von Olivier Bault.

Polen – 2011 schätzte die U.S. Energy Information Administration (EIA) die Reserven an Schiefergas im Erdreich Polens mit 5.300 Milliarden Kubikmetern ein. Andere weniger optimistische Schätzungen lagen bei ca. 3.000 Milliarden Kubikmetern, dann veröffentlichte das Polnische Institut für Geologie (Państwowy Instytut Geologiczny, PIG) 2012 eine verminderte Schätzung von 1.900 Milliarden Kubikmetern Gas in den polnischen Schiefervorkommen. Dies machte jedoch immer noch aus Polen ein Land mit einem starken Potential in diesem Bereich. Polen sah sich schon nicht nur unabhängig vom russischen Gas sondern auch gleich als Gasexporteur. Diese Träume sind nie verwirklicht worden. Es ist nicht so sehr der Gas, der sich aufgelöst hätte, sondern die großen ausländischen Gasfirmen, die sich zurückgezogen haben. Der Hauptgrund für diese Abkehr soll man nicht in den geologischen Bedingungen der polnischen Schiefervorkommen suchen, sondern im Nichtvorhandensein einer kohärenten Politik seitens der Regierungen der PO-PSL-Koalition von Donald Tusk und Ewa Kopacz, wie dies ein Bericht vom Dezember des polnischen Obersten Rechnungshofs (Najwyższa Izba Kontroli, NIK) für die Periode 2008-2016 zeigt. Fügen wir allerdings hinzu, dass wenn die PiS die Politik der Liberalen in diesem Bereich kritisierte, als sie in der Opposition war, so hat man nach 2016 nicht gesehen, dass die Bohrungen wieder aufgenommen worden wären. Die NIK bemerkt jedoch, dass ein gerade vom Umweltministerium vorbereitetes Gesetzesprojekt die Rahmenbedingungen klarer und günstiger für Investoren machen könnte.

Es bleibt abzuwarten, ob Polen dann eine Vertrauensbasis für diese Investoren wird schaffen können. Im August 2012 waren 111 Berechtigungen für Schiefergaserkundungsbohrungen erteilt worden. Neben ausländischen Unternehmen war die öffentliche Polnische Erdölbergbau und Gas AG (Polskie Górnictwo Naftowe i Gazownictwo, PGNiG) einer der Begünstigten. Die ersten Bohrungen waren positiv und im Juli 2013 begann eine Filiale der amerikanischen ConocoPhillips erstmal Schiefergas in der Nähe von Lauenburg (Lębork) zu fördern. Dann begannen die Firmen sich zurückzuziehen. Im Juli 2017 gab es nur noch 20 Schiefergasberechtigungen, aber keine Förderung und auch keine Erkundungsbohrung wurden mehr durchgeführt.

Außer dass die Förderkosten höher als vorgesehen wurden, wiesen die Investoren auf den chaotischen gesetzlichen Rahmen bzw. auf die mit der Erteilung der Berechtigungen verbundenen Probleme. Der NIK-Bericht beleuchtet schwerwiegende Versäumnisse aber auch Gesetzesbrüche seitens der PO-PSL-Regierungen, sowie Prozeduren für die Erteilung von Berechtigungen, die Korruptionsrisiken erzeugten. Das Umweltministerium hatte unter den liberalen Regierungen keine kohärente Politik im Bezug auf die Berechtigungen und es gab keine langfristige Strategie für die Erkundung und die Förderung von Schiefergas. Bis zum heutigen Tag sind in den betroffenen Zonen in Polen nur 72 Bohrungen durchgeführt worden, während man mindestens 300 brauchen würde, um den Umfang der Vorkommen zuverlässigerweise einschätzen zu können.

Um seine Versorgung zu diversifizieren importiert Polen heute daher außer Gas aus Russland und Katar, ebenfalls Schiefergas aus den USA. Ein Gesetzesrahmen und für die Entwicklung der Schiefergasförderung günstigere Prozeduren werden vielleicht nicht genügen, denn die polnischen Vorkommen sind schwieriger zugänglich als diejenigen in den USA und erfordern, andere Fördertechnologien zu entwickeln, als diejenigen, die in Amerika erfolgreich wurden.

Manche polnische Beobachter erklären allerdings die für den polnischen Schiefergas sehr ungünstige Politik der PO-PSL-Regierungen durch den Einfluß einer die Interessen Moskaus vertretenden Lobby, denn Russland hätte viel zu verlieren, wenn Polen nicht mehr ein vom russischen Gas abhängiger Abnehmer wäre, sondern zu einem Konkurrent auf dem Gasmarkt in Ost- und Mitteleuropa werden sollte. Andererseits stimmt es auch, dass der Beginn der Erkundungsarbeiten für den polnischen Schiefergas gerade in eine Periode mit einer ungünstigen Konjunktur mit dem Sturz der Öl- und Gaskurse gefallen sind. Heute setzt Polen auf seinen neuen Gasterminal in Swinemünde (Świnoujście) an der Ostsee und auf die Errichtung  der Ferngasleitung Baltic Pipe von Norwegen aus, um seine energetische Unabhängigkeit gegenüber Russland zu garantieren, das in Zukunft nur noch ein Lieferant unter anderen sein soll.

Quelle: Gość Niedzielny

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