Reportage: Rumänien und der Jahrestag von 1918

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Von Thibaud Cassel.

1/3 – 1. Teil: Ein rumänisches Geheimnis

Rumänien feiert am 1. Dezember die [1918 erfolgte] „Vereinigung aller rumänischen Provinzen“. Das Ereignis erlangte heuer eine besondere Bedeutung, da man den hundertsten Jahrestag der verfassten Resolution von Alba Iulia (Karlsburg) feierte, dieser Stadt in Siebenbürgen, wo die Vereinigung proklamiert wurde: eine unverzichtbare Gelegenheit für Thibaud Cassel, um ein paar Tage in der rumänischen Hauptstadt Bukarest zu verbringen und auf die heutigen politischen Auseinandersetzungen bzw. auf das Echo der älteren Zeit aufmerksam zu sein.

Die Unabhängigkeit in der Zeit der europäischen Nationalitätenbewegung.

Am 1. Dezember steht dem rumänischen Jubel das ungarische Leid gegenüber, da der rumänische Einheisstaat sich zum Nachteil des ungarischen Einheitsstaat durchsetzte. Der ethnische Nationalismus der Jahre 1848-1945 konnte im Wirrwarr der ungarischen, rumänischen und deutschen Volksgruppen in Siebenbürgen zu keiner Harmonie führen. Die Vereinigung des 1. Dezember 1918 ist eigentlich der Höhepunkt einer in der Zeit des Völkerfrühlings eingeleiteten Dynamik. In der Gunst der Stunde nach dem Krimkrieg unterstützt Frankreich 1859 die Gründung eines aus der Walachei und der Moldau (Moldawien) bestehenden „Kleinrumäniens“ unter dem Szepter von Alexandru Ioan Cuza. Es ist das Ende der osmanischen Fremdherrschaft. Als Speerspitze der nationalen Forderungen spielt das Frankreich Napoleons III. eine bedeutende Rolle im Aufkommen des modernen Rumäniens wie in demjenigen des jungen Königreichs Italien. Allerdings erzielt sie keinen Gewinn daraus. Im Falle Italiens schafft sich Frankreich sogar einen Gegner im Mittelmeer, überwirft sich mit den Katholiken und schwächt Österreich, was Preußen ermöglicht, die Einheit der deutschen Länder zu seinem Gunsten zu verwirklichen. Im Falle Rumäniens wird der Herrscher 1866 durch einen Staatsstreich gestürzt und von Karl v. Hohenzollern-Sigmaringen, einem Verwandten des künftigen Kaisers Wilhelm I. ersetzt.

Die Zeit der verfallenen Kaiserreiche

Rumänien schlägt geschickt Kapital aus dem Verfall der Kaiserreiche, die sie umgeben. Der Chaos von 1918 ermöglicht die Annektion Bessarabiens (des heutigen Moldawiens) gegen die damals schwache Sowjetunion, bzw. den Anschluss des Buchenlandes (Bukowina) und Siebenbürgens im Rahmen der Zerteilung Österreich-Ungarns. Die Sache mit Siebenbürgen ist wegen dessen tausendjähriger Zugehörigkeit zu Ungarn und des Traumas von Millionen von ihres Landes beraubten Magyaren am heikelsten. Die Neuzeichnumg der Landkarte Europas in der Nachkriegszeit schürt den Groll, der zum Zweiten Weltkrieg führen wird. 1940 kann Stalin dank dem Debakel Frankreichs Bessarabien und das nördliche Buchenland besetzen, während der Zweite Wiener Schiedsspruch Ungarn die nördliche Hälfte Siebenbürgens zurückgibt. Letzteres wird 1945 rückerstattet doch behält die Sowjetunion die rumänischen Grenzgebiete im Rahmen der sozialistischen Sowjetrepubliken Moldawien und Ukraine. Der Kommunismus bleibt übrigens auch Rumänien nicht erspart.

Tausend Jahre des Schweigens und eine Wiedergeburt

Diese politischen Auseinandersetzungen der modernen Zeit entlüften das rumänische Geheimnis nicht: Wie haben welschsprachige Volksgruppen – in einem Gebiet, wo die Herrschaft des römischen Reichs nur kurze Zeit währte – inmitten der slawischen und ungarischen Invasionen und Hegemonien sich behaupten und gedeihen können? Diese von den rumänischen Provinzen gebildete Latinität des Ostens überrascht durch ihre Widerstandsfähigkeit. Die bäuerliche Hartnäckigkeit und die religiöse Führung bestimmten eine schweigende und beinahe anonyme Geschichte, die die Last der Imperien unablässig hat ertragen können.

Das durch dessen Kunst offenbarte Rumänien

Ein Besuch in der Nationalen Kunstgalerie in Bukarest bestätigt den Rang der Religion in der rumänischen Kunst. Die Gemälden sind im 18. Jahrhundert so religiös wie im Frankreich des 13. Jahrhunderts. Die Holzschnitzerei bietet lauter Ikonenwände und Lesepulte; die liturgischen Gewänder sind Anlass für allerlei Goldschmiederei und Stickerei. Dann, an der Schwelle zur zeitgenössischen Zeit, tauchen einige Fürstenporträts von anonymen Malern auf. Im 19. Jahrhundert öffnet sich die rumänische Malerei plötzlich auf den Westen. Theodor Aman (1831-1891) verleiht seinen Pinsel der mondänen Gesellschaft. Ohne Überraschung hat er seine Werkstatt in Paris. Die moderne nationale Kunst kommt somit auf, um sich dem Kurs der akademischen Malerei anzuschließen, wo sie sich mit Grazie anpasst, wie in Bacchante (1879) von George Demetrescu Mirea; die Reife ermöglicht es schließlich, die rumänische Seele durch das vollkommene Beherrschen der Werkzeuge zu erreichen. Jean Alexandru Steriadi (1880-1956) drückt in Frühling (1918) den einmaligen malerischen Charme der rumänischen Landschaft aus. So bemerkenswert der rumänische Beitrag für die europäische Malerei auch sei, scheint das Land dabei eher ein Spiel als ein Aggiornamento der Zivilisation zu treiben. In der Tat fügt sich Rumänien dem vorherrschenden Wind, doch bleibt es im Grunde genommen unverändert, wie ein vielseitiger und gleichzeitig unveränderbarer Janus.

Eine Kathedrale für die Ewigkeit

Hinter dem riesigen Palast Ceaușescus, wo heute das Parlament tagt, steht die neue am vergangenen 25. November in Anwesenheit von Patriarch Bartholomäus aus Konstantinopel dem „Heil der rumänischen Nation“ geweihte Kathedrale. Die Bauten sind noch nicht ganz fertig. Während das Äußere großartig ist, ist das Innere noch sehr schlicht, doch dadurch erstrahlt die Ikonenwand umso mehr. Man denkt dabei natürlich an die neuerbaute Kathedrale in Belgrad: die Überlieferung Byzanzʼ ist also nicht gestorben.

Kirche und Modernität

Der Andreastag bietet eben am 30. November dem Reisenden die Gelegenheit, in das Herz der rumänischen Seele einzutauchen. Für die Gelegenheit ist der Patriarch von Jerusalem nach Bukarest mit Reliquien angereist, die zur

Verehrung durch die Rumänen ausgestellt wurden: ein Fragment des heiligen Johannes von Neamț, des Chosebiten und ein Stück von seinen liturgischen Gewändern. Der nicht informierte Besucher findet vor Ort Menschen von jedem Alter, die sich hinter die Ikonenwand drängen, um Ikonen und Reliquien zu küssen. Der rumänische Patriarch Daniel hat anlässlich des Andreastages daran erinnert, dass die rumänische Kirche apostolisch ist und den Glauben von Generation zu Generation durch alle Zeiten vermittelt, und kommt zu folgendem Fazit: „Deswegen ist die rumänische Diaspora, die derzeit über vier Millionen orthodoxe Gläubiger zählt, nicht ein wirtschaftlich motiviertes Faktum. Über diese wirtschaftliche Leseart hinaus muss man sie wie ein Werk Gottes betrachten, das tiefgründiger ist als konjunkturelle Gegebenheiten, sprich dass es der Anlass sei, den orthodoxen Glauben ohne Überheblichkeit und ohne Furcht, mit Ruhe, Liebe und Anstand bei den anderen Völkern vorzuleben.“

Somit verliert die Massenauswanderung, unter der Rumänien und besonders dessen Jugend leidet, diese negative Aura der liberalen Subversion – die vielleicht die wirksamste imperialistische Vorgabe der Geschichte ist – und wird in den Augen der einflussreichen rumänischen Kirche zu einem Plan der Vorsehung. Man kann hier den Erfolg der protestantischen Kirchen unter der Diaspora und im Norden des Landes nicht unerwähnt lassen, doch soll man zweifelsohne die patriotischen Feierlichkeiten des 1. Dezember und die politischen Perspektiven eines gegen die westlichen liberalen Eliten kämpfenden Landes im Lichte einer lebhaften Volkstradition betrachten.

Hier zum Teil 2.


Übersetzt von Visegrád Post.

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