Rumänien: Schwachstellen und Schattenseiten der nationalen Einheit

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Von Thibaud Cassel.

Hier zum Teil 1 – 2 / 3 – 2. Teil: Exklusivreportage in Rumänien

Von Bukarest bis Karlsburg (Alba Iulia) feiert man am 1. Dezember die Vereinigung „Großrumäniens“, eine Vereinigung, die manchen Missbrauch mit sich machen lässt. Welche Lektionen können wir einerseits von den offiziellen Feierlichkeiten, andererseits vom Jubel des Volkes bzw. schließlich von der Protestdemonstration der Liberalen von #Rezist ziehen?

Was eine Militärparade besagt

Am Samstag, den 1. Dezember drängt sich die Menge in der U-Bahn in Richtung Statia Aviatorilor. Die Piața Charles de Gaulle befindet sich nebenan. Dort steht ein Triumphbogen etwas kleiner und schlichter als dessen Pariser Vorbild: es ist ein begehrter Standort um der Militärparade beizuwohnen. Die Zuschauer sind zahlreich: Junge Leute und Familien trotz der – vom Thermometer angezeigten acht Grad. Die Kinder halten rumänische Flaggen ganz fest in der Hand. Eine echte Volksbelustigung kündigt sich an, sodass die Sicherheitsmaßnahmen in der Umgebung des Triumphbogens beinahe unpassend erscheinen; doch finden sich die Leute mit guter Laune damit ab.

Präsident Klaus Johannis hält eine kurze Rede um 10 Uhr und dann wird die Nationalhymne gesungen, während Kanonenschüsse abgefeuert werden: für einen Franzosen ist das ein schlichtes und eher anspruchsloses Zeremoniell. Die Verweise auf die „Grande Nation“ beschränken sich nicht auf den de Gaulle-Platz: die Militärmusik klingt sehr französisch und auch die Uniformen schauen französisch aus. Die Parade hat etwas von einem volkstümlichen Schauspiel aus der Provinz. Die Sprengköpfe, die zum Siegesplatz gefahren werden, scheinen nur insoweit gefährlich, dass es eine fremde Macht ist, die den Rumänen deren Gebrauch befiehlt – die diesen Firlefanz ihrer eingeschränkten Souveränität sogar ziemlich teuer bezahlen. Die Luftwaffe schaut wie eine Besonderheit aus, deren man sich einmal im Jahr erinnert. Alles anders als bei der Parade vom 9. Mai in Moskau. Ich erinnere mich noch an die dortige Erregung des Volkes, an die martialische Begeisterung, mit der die Menge den Flugzeugen zujubelte, die den Himmel mit den nationalen Farben beflaggten. Wie sehr schienen die Kadetten die kriegerische Hingabe des ganzen Reichs auszudrücken. Die Parade war dort wie ein bewaffnetes Abbild da gesamten Russlands; hier ist sie bloß die rumänische Maske des US-Imperiums.

Panzerfahrzeug auf der Parade am 1. Dezember 2018 in Bukarest. Bild: Thibaud Cassel.

Patriot sein wie man „Prosa macht“

Die übliche Geduld Rumänien unter dem jeweiligen Imperium mangelt nun auch nicht. Hinter den Kulissen scheint es mir erfreulicher in der Bodega, wo ich mich wärme. Die Stimmung ist volkstümlich, locker und festlich. Dort zeigt man die nationalen Farben mit einer Gutmütigkeit, die keinesfalls national im modernen und politischen Sinne des Wortes ist. Das ist ein genauso einfacher und notwendiger Ausdruck wie Höflichkeit. Diese Schlichtheit ähnelt einer ungekünstelten Primitivität, weit entfernt von jewedem aufgesetzten Gefühl, von jedweder Anprangerung; man würde fast glauben, dass der nationale Gedanke hier niemals ihre romantische Zeit hatte. Ein Freund versichert mir, dass Transzendenz hier in Rumänien den Popen vorbehalten sei. Beinahe könnte man sagen, dass die Politik hier ein Handwerk wie jedes andere sei. Dadurch versteht man die Albernheit eines Liberalen, der versuche, die Rumänen durch „Bürgermobilisierung“ zum Umsturz aufzustacheln. Sie haben nichts von dem, was die Franzosen sich seit drei Jahrhunderten einimpfen; und drei Jahrhunderte sich echt eine Weile. Man kann den Rumänen berauben, aber ihn von dem überzeugen, was ihm fremd ist, dies scheint glücklicherweise ein in der dem kriselnden Liberalismus verfügbaren Zeit unerreichbares Ziel zu sein.

Gegenüber dem königlichen Palast, der nun das Nationale Kunstmuseum beherbergt, findet man in großen Festzelten eine von der Stadt Bukarest gesponserte Ausstellung anlässlich des hundertsten Jahrestags des modernen Rumäniens. „100 Erfindungen in 100 Jahren“ zeigt die rumänischen Erfindungen und Wissenschaftler des vergangenen Jahrhunderts. Unweit von Gruppen von Jugendlichen, die an Animationen à la Welt der Wunder teilnehmen, werden Doppeldecker ausgestellt. In einem Saal nebenan gibt es kindergerechte Vorträge.

Unschlüssige und skeptische Jugend

Der Vorsitzende der organisierenden NGO lässt sich gerne interviewen. Liviu, um die 30, hat sich nun von der Politik abgewandt: das Ziel dieser gratis Animationen ist, der Jugend ihre Geschichte und eine bessere Wissenschaftskultur beizubringen. Für eine zugleich neugierige und bodenständige, weder chauvinistische noch intellektuelle Jugend. Die parteiischen Debatten gehen ihm auf die Nerven, da keine Partei vor ihm Gnade findet: die Rumänen erwarten kaum was von diesen, außer etwas Zurückhaltung in ihrer Weise, die Lage auszunutzen. Die Erben Ceaușescus findet man in allen Parteien und nicht nur in der regierenden Sozialdemokratischen Partei (PSD). Liviu beteuert mir, dass die #Rezist-Bewegung, die heute zu demonstrieren aufgerufen hat, wie eine künstliche Bewegung empfunden werde und dass deren hohle Rhetorik erfolglos sei. Wir erinnern daran, dass die Visegrád Post schon ausführlich – u.a. hier und hier – über diese Bewegung berichtet hat.

Liviu hat allerdings an zahlreichen Protestdemonstrationen teilgenommen, seitdem er sich für Politik interessiert. Die wirtschaftliche Lage seines Landes hat sich infolge der Krise von 2008 verschlechtert, was 2012 zur ersten bedeutenden Mobilisierung im Lande seit dem Tod Ceaușescus führte, und zwar gegen die rechtsliberale Regierung Traian Băsescus. 2014, infolge mehrerer Skandale um die koloniale Ausbeutung des Landes (Roşia Montana, Gabriel Ressources) taucht der Protest des Volkes in der rumänischen Politik wieder auf. Zwischen Juni und Dezember marschieren 40-50.000 Personen jeden Sonntag damals in Bukarest auf. Schließlich bringt das Justizreformgesetz, das von den Liberalen wie ein Gefälligkeitsgesetz für die regierende Partei vorgestellt wird, 300.000 Personen auf die Straßen der Hauptstadt auf Initiative von #Rezist. Die Demonstration vom vergangenen 10. August wird von Gewalttaten seitens der Protestierenden und der Sicherheitskräfte gekennzeichnet, was in Rumänien äußerst selten vorkommt. Der Hang der #Rezist-Bewegung für den Aufstand wird bei vielen Rumänen nicht goutiert: die offen revolutionären Parolen haben eine Mischung aus Zynismus und Unreife zum Vorschein gebracht, während die national-populistische Wende Liviu Dragneas an der Spitze der PSD keine Entfesselung der Gewalt zu rechtfertigen scheint.

Die Mobilisierung von #Rezist

In symmetrischer Opposition zum offiziellen – und etwas gekünstelten – Patriotismus der Militärparade organisiert die liberale Opposition eine Machtdemonstration am gleichen Nachmittag auf dem Siegesplatz. #Rezist kann man als das absolute Gegenteil der französischen Gelbwesten definieren. Es ist die Verteidigung des Liberalismus gegen die Demokratie auf Initiative der rumänischen Großstädte, die am wenigsten leiden. Um 13 Uhr ist der Siegesplatz einfach menschenleer. Ich treffe dort zwei Erasmus-Studenten, die eine edle Sache zu verteidigen und etwas Spaß suchen. Ich komme also später, da das Ereignis lt. Facebook zwischen 15 und 23 Uhr vorgesehen ist. Um 17 Uhr drängen sich etwa 300 Personen auf dem Pflaster und vielleicht 200 mehr, als ich eine Stunde später wieder davongehe. Die eisige Kälte erklärt nicht allein den Misserfolg der heimischen Vertreter des westlichen Gutmenschentums. Zuerst ruft diese parteiische und regierungsfeindliche Demonstration am Tag der Einheit ein gewisses Misstrauen hervor. Die PNL – die Partei von Präsident Klaus Johannis, die sich immerhin in Frontalopposition gegen die regierende PSD befindet – hatte nicht aufgerufen, sich an dem Protest zu beteiligen. Nachdem der Modeeffekt vorbei ist, findet dieses Importprodukt auch im Westen keine echte Gegenliebe mehr. Trotz Trommeln und Alpenhörner ist keine Wut bemerkbar; trotz einiger Schreie hier und da wie „Justiz! Keine Korruption!“, die eine Weile von einigen Nachbarn wiederholt werden, die sich dadurch zu erwärmen versuchen, gibt es keine Spur von einer Verärgerung des Volkes. Sogar die suggestive Kommunikation, worin die liberale Subversion sich hervortut, scheint nicht mehr weiterzukommen. Wenn der westliche Liberalismus sich als unfähig erweist, Rumänien in seinen Bann zu ziehen, bleibt es noch übrig, die politischen Perspektiven dieser „Ostromanen“ und deren positiven Beitrag zur europäischen Frage umzureißen.

Zum Teil 3.


Übersetzt von Visegrád Post.

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