Pädophilie und Homosexualität in der Kirche in Polen – Sturm der Entrüstung nach dem Dokumentarfilm von Tomasz Sekielski

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Von Olivier Bault.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in der katholischen Tageszeitung Présent veröffentlicht.

Polen – „Sag es bloß niemandem!“ (Tylko nie mów nikomu) – der Dokumentarfilm des Regisseurs Tomasz Sekielski und seines Bruders, der durch Crowdfunding realisiert wurde und seit dem Samstag, 11. Mai auf YouTube ausgestrahlt wird, ist nach vier Tagen schon 14 Millionen mal gesehen worden. Der Film inszeniert die Zeugenaussagen von Opfern von pädophilen Priestern und – auch wenn das Wort „Pädophilie“ ebenfalls dafür benutzt wird – von homosexuellen ephebophilen Priestern. Der Film bezieht sich auf neun katholische Priester – darunter zwei Persönlichkeiten: der ehemalige Kaplan von Präsident Lech Wałęsa und der Marianistenpater und Initiator der Errichtung des Sanktuariums bzw. der Basilika der allerheiligsten Maria von Licheń. Der erste bekennt seine Taten, als er mit dem Opfer konfrontiert wird, doch äußert er kein Bedauern, da er meint, dass der jugendliche Messediener, dem er ab dem Alter von 12 Jahren und beinahe bis zur Volljährigkeit intime Zärtlichkeiten verabreichte, damit einverstanden gewesen sei. Das Herz von Abbé Franciszek Cybula versagte kurze Zeit nach der heimlich gefilmten Konfrontation und er starb im vergangenen Februar im Alter von 79 Jahren. Die Taten wurden – gestützt auf das gefilmte Geständnis – im vergangenen Dezember bekannt gemacht, was jedoch den Danziger Erzbischof, Mgr. Głódź, nicht daran hinderte, die Bestattungsmesse zu feiern und dabei die christlichen Tugenden des Verstorbenen anzupreisen.

Eine sofortige Konsequenz der Ausstrahlung dieses Films wurde der Antrag beim Vatikan von einem der belasteten Priester – Abbé Dariusz Olejniczak – aus dem Priesterstand entlassen zu werden. Olejniczak war in der Vergangenheit zweimal wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige bzw. wegen des Besitzes pädophiler Bilder verurteilt worden und ihm wurde auf Lebenszeit verboten, mit Kindern zu arbeiten. Dies hinderte ihn nicht daran, Einkehrtage für Kindergruppen zu leiten. Die Autoren des Dokumentarfilms „Sag es bloß niemandem!“ bringen den gefilmten Beweis dafür.

Ein homosexueller Priester wurde von dessen Hierarchie von Pfarre zu Pfarre versetzt, um letztendlich zum Pfarrer eines Dorfes zu werden, wo er weiterhin bis 2013 sein Unwesen trieb und wo einer der Messediener sogar Selbstmord beging, indem er sich nach der Messe an einem Baum hängte. Der Film zeigt die Antwort des Bischofs auf den Brief eines Krankenhausarzts infolge des Selbstmordsversuchs eines der Opfer von Abbé Andrzej Srebrzynksi. Der Bischof gab zu, Bescheid zu wissen und erklärte, dass Srebrzynksi in eine andere Pfarre versetzt worden sei und ihm angedroht wurde, sein Amt als Priester nicht mehr ausüben zu dürfen, falls er rückfällig werden sollte! Das war im Januar 1988. 2016 auf Entscheidung von Papst Franziskus aus dem Priesterstand entlassen, sah man jedoch, wie Srebrzynksi bis 2017 die Messe leitete bzw. an Prozessionen im Priestergewand teilnahm.

Was der Film freilich nicht sagt, ist, dass diese Priester, die sexuelle Übergriffe auf Minderjährige begangen haben, auch ehemalige Kollaborateure der politischen Polizei des kommunistischen Regimes sind. Der Sicherheitsdienst (Służba Bezpieczeństwa, SB) rekrutierte seine Agenten innerhalb der Kirche meistens durch Erpressung, und pädophile bzw. homosexuelle Priester waren daher beliebte Ziele, um die Kirche unterwandern zu können. Allerdings haben es die polnischen Bischöfe immer abgelehnt, „die Kirche zu säubern“, sprich ehemalige Kollaborateure aufzulisten, ihre Namen offenzulegen und diese des Priesteramtes unwürdigen Personen aus der Kirche auszuschließen. Neun Priester sind zwar nicht der Maßstab der pädophilen Skandale, die die Kirche in den USA bzw. in Irland so sehr geschwächt haben, aber die Brüder Sekielski behaupten, dass sie von weiteren Opfern angesprochen wurden, und haben schon einen zweiten Teil angekündigt. Wenn die polnische Kirche sich weiterhin weigert, sich von ihren schwarzen Schafen zu entledigen, dann werden andere diese Aufgabe erledigen.

Die Autoren des Films „Sag es bloß niemandem!“ (Tylko nie mów nikomu) sind für ihre eher linke politische Einstellung bekannt und in ihrem Werk wurde zwar nicht auf manche Manipulationen bzw. Amalgame verzichtet, aber immerhin sind die in diesem Film angeprangerten Taten echte Fakten und der Primas der Kirche in Polen und Erzbischof von Gnesen (Gniezno), Mgr. Wojciech Polak, meinte selbst, dass er darin „keinen Angriff gegen die Kirche [gesehen habe], im Gegenteil“. Der Primas nahm am 22. Mai an einem außerordentlichen Treffen des Ständigen Rats der Polnischen Bischofskonferenz (Konferencja Episkopatu Polski, KEP) teil, das zu diesem Anlass zusammengerufen wurde. Nachdem er ihren Film gesehen hat, hat sich der Generalsekretär der KEP und Erzbischof von Posen (Poznań), Stanisław Gądecki, öffentlich bei den Regisseuren bedankt. Man muss in der Tat anerkennen, dass der Dokumentarfilm „Sag es bloß niemandem!“ einen nicht kalt lassen kann und dies trifft insbesondere auf die Szenen zu, wo die ehemaligen Opfer und ihre sexuellen Peiniger im Talar aufeinandertreffen.

Man kann sich freilich wie der in Polen für seinen konservativen Standpunkt bekannte Benediktinerpater Leon Knabit fragen, wann ein Film über die Pädophilen ausgestrahlt wird, die keinen Talar tragen: „Eine einzige Sünde dieser Art seitens eines Priesters ist ein Skandal, der die sofortige Entlassung aus dem Priesterstand zur Folge haben muss,“ erklärte Pater Knabit, „doch – gemäß Kriminalstatistik – sind es nur 3% der Pädophilen in Polen. Werden die Journalisten auch über die restlichen 97% recherchieren?“

Während der Film der Brüder Sekielski die Debatte in Polen anheizt, wird nicht nur die Kirche an den Pranger gestellt. Die Polen erfahren in der Tat zu diesem Anlass, dass ihre Gerichte sich für Sexualstraftäter gegenüber Minderjährigen besonders nachsichtig zeigen. Meistens erhalten diese eine zweijährige Haftstrafe, die gewöhnlich auf Bewährung gesprochen wird.

Freilich haben auch die Politiker das Thema für sich entdeckt. Die schon vollkommen libertär und antiklerikal tendierende liberale Opposition erneuerte ihren Antrag einer parlamentarischen Untersuchung über Pädophilie in der Kirche. Manchmal ist es gar der Esel, der den anderen Langohr schimpft, wie in Falle von Robert Biedroń, dem homosexuellen Führer der pro-LGBT-Partei Wiosna (Frühling), der die Angelegenheit ausnutzen wollte, um dessen Angriffe gegen die Kirche vor diesem Hintergrund der Pädophilie neustarten wollte. Die polnische Presse und sogar manche Liberale erinnern daran, dass, während er Bürgermeister von Stolp (Słupsk) war, er selber lange brauchte, um auf die Meldungen zu reagieren, die er bezüglich eines von der Gemeinde beschäftigten Breakdance-Lehrers erhalten habe. Dieser pädophile Lehrer ist inzwischen wegen sexueller Übergriffe gegenüber vier Mädchen angeklagt worden.

Ihrerseits kündigte die PiS-Regierung durch Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und Justizminister Zbigniew Ziobro eine Änderung des Strafgesetzes an, um die Richter dazu zu zwingen, Sexualverbrechen gegenüber Minderjährigen ordnungsgemäß zu bestrafen. Das Schutzalter soll von 15 auf 16 erhöht werden bzw. sollen die pädophilen Straftaten mit Haftstrafen von 5 bis 30 Jahren geahndet werden, bzw. lebenslänglich, wenn das überfallene Kind deswegen stirbt.

Als weitere Konsequenz des Films der Brüder Sekielski hat die Schauspielerin Paulina Młynarska öffentlich denunziert, dass der berühmte 2016 verstorbene Regisseur Andrzej Wajda sie im Alter von 14 Jahren eine erotische Szene mit einem erwachsenen Mann nackt habe spielen lassen, nachdem er ihr Beruhigungsmittel und Alkohol verabreicht habe.

Der ehemalige Präsident Lech Wałęsa, dessen ehemaliger Kaplan im Dokumentarfilm angeklagt wird und selbst die Taten seinem Opfer gegenüber zugab, hatte seinerseits eine schöne Reaktion auf seiner Facebook-Seite: „Bis zum Ende meines Lebens werde ich um keinen Preis Gott, Glaube oder Kirche verlassen.“

 

Übersetzt von Visegrád Post.

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