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Sovereignty.pl ist ein englischsprachiges konservatives Portal, wo polnische Kolumnisten und Kommentatoren über die großen Themen schreiben, die die öffentliche Debatte in ihrer Heimat antreiben.

Lesezeit: 5 Minuten

Detaillierte Berichte über die deutschen „Todesfabriken“ und schreckliche Zeugenaussagen: Die Polen bemühten sich vergeblich, die Alliierten davon zu überzeugen, dass sie versuchen sollten, den Holocaust zu stoppen.

Ein Artikel von Piotr Włoczyk, der ursprünglich 2021 in der Wochenzeitung Do Rzeczy auf Polnisch veröffentlicht wurde. Seine vollständige Fassung wurde ins Englische übersetzt und auf der Website Sovereignty.pl veröffentlicht. Um die vollständige englische Version auf Sovereignty.pl zu lesen, klicken Sie hier.

Jüngste Berichte zeichnen ein entsetzliches Bild von der Situation, in der sich die polnischen Juden befinden. Die in den letzten Monaten angewandten neuen Methoden des Massenmords bestätigen, dass die deutschen Behörden die Absicht haben, die jüdische Bevölkerung Polens systematisch auszurotten, ebenso wie die Tausenden von Juden, die die deutschen Behörden aus den westlichen und zentralen Regionen Europas, einschließlich aus dem Deutschen Reich selbst, nach Polen deportiert haben“, schrieb Edward Raczyński, Außenminister der polnischen Exilregierung, im Dezember 1942 an die Regierungen der Unterzeichnerstaaten der Erklärung der Vereinten Nationen. „Die polnische Regierung sieht es als ihre Pflicht an, den Regierungen aller zivilisierten Länder die folgenden vollständig dokumentierten Informationen zu übermitteln, die sie in den letzten Wochen aus Polen erhalten hat und die eindeutig die neuen Vernichtungsmethoden zeigen, die von den deutschen Behörden angewandt werden.“

Der „Raczyński-Bericht“, der in Form einer diplomatischen Note vorgelegt wurde, war das erste offizielle Dokument über den von den Deutschen verübten Holocaust. Die polnische Exilregierung wollte die Alliierten nicht nur über den stattfindenden Völkermord informieren, sondern auch eine konkrete Reaktion hervorrufen. Wie Minister Raczyński in seiner diplomatischen Note betonte, erwarteten die Polen von den Alliierten neben der Verurteilung des Verbrechens, „dass sie wirksame Mittel finden, die Deutschland davon abhalten können, seine Methoden der Massenvernichtung fortzusetzen“.

Die polnische Exilregierung erstellte diese Note auf der Grundlage von Dokumenten, die der Bote und Gesandte des polnischen Untergrundstaates Jan Karski (der eigentlich Jan Kozielewski hieß, „Karski“ war ein Pseudonym) nach London gebracht hatte. Der Karski-Bericht über den Holocaust war von Professor Cyril Ratajski, dem polnischen Delegierten der Exilregierung, in Auftrag gegeben worden. Es handelt sich um den Bericht eines Besuchs des Warschauer Ghettos und des Durchgangslagers Izbica, das Karski in der Uniform eines Wachmanns einer ukrainischen SS-Hilfsformation verkleidet betreten hatte.

Ich habe schreckliche Dinge gesehen. Die Eisenbahnrampe, den Abtransport aus dem [Durchgangs-]Lager“, erzählte Jan Karski Jahre später, „die Gendarmen, die SS, die Massen von Juden. Ich weiß nicht, vielleicht tausend, tausendfünfhundert. Kinder, Frauen, alte Menschen. Der Gestank, die Verzweiflung, die Schreie ‚Raus, raus‘. Sie trieben sie mit ihren Stöcken in den Zug, und wenn jemand stolperte, schlugen sie mit den Stöcken auf ihn ein. Der Terror. Ein Bild, das nicht von dieser Welt ist, die Menschen behandeln nicht mal das Vieh so (…). Sie zwangen die Letzten, auf den Köpfen derer zu klettern, die früher hereingekommen waren“.

Gleichgültig wie Roosevelt

Von London aus schickten die polnischen Behörden Karski dann in die Vereinigten Staaten. Der polnische Gesandte traf sich in Washington mit den wichtigsten Personen der damaligen Zeit. Er sprach mit ihnen nicht nur über die Lage des polnischen Untergrundstaates und über die Bedrohung durch die Sowjetunion, sondern erklärte ihnen auch das Ausmaß der Massaker am jüdischen Volk. Dabei stieß er fast immer auf völliges Unverständnis. „Herr Karski, ein Mann wie ich, der mit einem Mann wie Ihnen spricht, muss ganz offen sein“, sagte Felix Frankfurter, Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, während eines Gesprächs zu ihm. „Ich muss Ihnen also sagen, dass ich nicht in der Lage bin, Ihnen zu glauben.“ Frankfurter, der selbst aus einer jüdischen Familie stammte, war nur einer von vielen Vertretern der amerikanischen Eliten, die sich damals weigerten, Karskis Erzählung vom Holocaust Glauben zu schenken.

Ende Juli 1943 traf Jan Karski schließlich Franklin Delano Roosevelt.

Ihr Gespräch dauerte eineinhalb Stunden. Karskis Erzählung zufolge unterbrach Roosevelt seine Erzählung über den Holocaust mit den Worten: „Wir werden uns nach dem Krieg um die Deutschen kümmern. Herr Karski, bitte korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber ist Polen ein Agrarland? Brauchen Sie nicht Pferde, um Ihr Land zu pflügen?“

Bevor Karski sein besetztes Land verlassen hatte, hatten ihm jüdische Aktivisten mitgeteilt, dass sie sehr wohl wüssten, dass es sehr schwierig sein würde, die Deutschen an der Durchführung des Holocausts zu hindern. Dennoch wünschten sie sich, dass der Westen zumindest etwas versuchen würde: „Kein Führer der Vereinten Nationen soll sagen können, dass er nicht gesehen hat, dass wir in Polen ermordet wurden und dass uns nur von außen geholfen werden konnte.“

Karski selbst ließ keinen Zweifel an der Zukunft der Juden, die in den vom Dritten Reich besetzten Gebieten lebten. „Wenn die Deutschen ihre Methoden gegenüber der jüdischen Bevölkerung nicht ändern, wenn es kein Eingreifen der Alliierten gibt, wird die jüdische Bevölkerung in anderthalb Jahren aufhören zu existieren“, warnte er die Alliierten.

Während der gesamten Besatzungszeit schickte der polnische Untergrundstaat Berichte über die Lage der Juden an den Westen. Diese Berichte wurden auf der Grundlage von Informationen Tausender Polen zusammengestellt, die oftmals ihr Leben riskierten, um die Orte des jüdischen Leidens zu erreichen und diese Berichte an den Geheimdienst der Heimatarmee (AK) weiterzuleiten. Unter der Masse an Berichten über den Holocaust, die aus Polen an die Exilregierung und von dort an die Alliierten gelangten, verdienen die von Kavalleriehauptmann Witold Pilecki vorbereiteten Dokumente besondere Aufmerksamkeit. Dieser polnische Offizier hatte sich freiwillig gemeldet, um im Lager Auschwitz einen Geheimdienstauftrag zu erfüllen. Eine seiner Aufgaben sollte es sein, dort Widerstandsstrukturen zu organisieren. Hauptmann Pilecki ließ sich bei einer Razzia in den Straßen von Warschau festnehmen. Am 21. September 1940 wurde er nach Auschwitz gebracht, wo er die Nummer 4859 erhielt. Er blieb bis zum 27. April 1943 in diesem Lager inhaftiert, als er zusammen mit zwei anderen polnischen Häftlingen flüchtete. Bereits während seiner Haft schmuggelte Hauptmann Pilecki Informationen über die Lage im Lager und verfasste nach seiner Flucht einen umfassenden Bericht über Auschwitz.

(…)

Bombardement 90 km von Auschwitz entfernt

Leider stießen die polnischen Aufrufe bezüglich des Holocausts in London und Washington meist auf Gleichgültigkeit. Diese Frage wurde von dem amerikanischen Historiker David S. Wyman, der sich auf den Holocaust spezialisiert hat, eingehend untersucht. Das Ergebnis seiner Arbeit ist das Buch „Das unerwünschte Volk: Amerika und die Vernichtung der europäischen Juden“.

Die Kontrolle Deutschlands über den größten Teil Europas bedeutete, dass selbst ein entschlossenes Handeln der Alliierten nicht mehr als ein Drittel der zur Vernichtung bestimmten Menschen hätte retten können, so Wyman in seinem Buch. Allerdings, so führt er aus, hätte ein ernsthaftes Engagement in dieser Richtung mit Sicherheit das Leben von Hunderttausenden Opfern gerettet, ohne das Kriegspotenzial der alliierten Länder zu gefährden. Die Archivdokumente belegen eindeutig, dass eine solche Kampagne nur auf Initiative der Vereinigten Staaten hätte unternommen werden können. Doch Amerika unternahm bis zur Endphase des Krieges nichts, und selbst wenn erfolgreich Maßnahmen ergriffen wurden, waren ihre Ergebnisse äußerst begrenzt.

In dieser Debatte wird häufig der Gedanke vorgebracht, dass es möglich gewesen wäre, die nach Auschwitz führenden Eisenbahnstrecken und die Gaskammern selbst zu bombardieren. Die Alliierten haben sich jedoch nie dazu durchgerungen.

Wyman selbst schreibt in seinem Buch, dass das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten 1944 mehrere Anträge auf Bombardierung der Gaskammern von Auschwitz und der Eisenbahnlinien zum Lager ablehnte. Es erklärte damals, dass solche Aktionen einen erheblichen Teil der US-Air Force von Operationen in anderen für den Kriegsverlauf kritischen Kriegsgebieten abziehen würden. Dennoch, so bemerkt der amerikanische Historiker, fanden nur wenige Monate nach dieser Ausrede mehrere massive Bombenangriffe statt, die sich gegen industrielle Ziele richteten, die weniger als 90 km von Auschwitz entfernt lagen.

Übersetzung: Visegrád Post