Ungarische Medien: nichts zu melden

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Von Yann P. Caspar.

Ungarn – Es ist nunmehr aktenkundig: Die seit Wochen auf dem ungarischen Medienmarkt so erwartete Wende hat sich soeben vollzogen. Nach dem possenhaften Bruch von 2015 zwischen Viktor Orbán und seinem historischen Financier Lajos Simicska kommt der Infokanal Hír TV durch den regierungsnahen Geschäftsmann Zsolt Nyerges in den Schoß der Mehrheit zurück. Diese x-te Kehrtwendung scheint endgültig das Ende des politischen Einflusses von Herrn Simicska anzukündigen, der vom Jänner 2015 bis zu den Wahlen vom April 2018 seinen Sender zum Hauptwerkzeug seiner Aktion gegen Orbán gemacht hatte, indem er ein unverständliches und pathetisches Kammerduett orchestrierte, das aus unverbesserlich engstirnigen Liberalen und dem zur Schurkerei sehr neigenden Jobbiks bestand: ein kakophonisches Werk, das durch die einzige Besessenheit ermöglicht wurde, den ungarischen Ministerpräsidenten stürzen zu wollen. So erscheint die Rückübernahme von

Hír TV wie die mediatische und finanzpolitische Konkretisierung des aufsehenerregenden Scheiterns der Querfrontstrategie Simicskas bzw. die ideale Gelegenheit um die Besonderheiten der Medienlage in Ungarn zu erörtern.

Szabad sajtót“. Sie wollen eine freie Presse. „Sie“, das sind die Brüssler Behörden und ihre Seilschaften jeder Art. Die ewigen Anhänger der Freiheit und der Demokratie, die unermüdlichen Kämpfer gegen die amtierende Diktatur, jene mutigen Widerstandskämpfer gegen die Brutalität hatten keine einzige Sekunde gezögert, um sich an den Tisch zu Dr. Simicska zu setzen und mit den ungarischen Rechtsradikalen zu verkehren, von denen einige unumstritten eine zweifelhafte politische Ästhetik bezüglich der Freiheit der europäischen Völker zur Schau stellen. Wir brauchen nicht zu erwähnen, dass dieser aktive Rand der ungarischen Opposition, der insgesamt unheimlich leise angesichts des Fernsehschmusekurses der grünen LMP-Anführerin Bernadett Széll und des Führers der ungarischen Garde und Jobbik-Chefs Gábor Vona, die den letzten Wechsel in der Leitung von Hír TV kommentierend dies als Verbrechen gegen die Pressefreiheit bezeichnen und zur Wiederherstellung der Demokratie in Ungarn aufrufen. Wir würden die Rolle des Zensors übernehmen, wenn wir nun diese verstiegene Fähigkeit des Salto rückwärts auf dem demokratischen Seil moralisch – diesem für das hohe Denken reservierten Raum – verurteilen würden, wo die Luft für den gemeinen ungarischen Pöbel zu knapp wird, diesen armseligen Mob, der dreimal massiv für Viktor Orbán stimmte.

In diesem abscheulich wütenden Klima ist es apriori heikel, die Gemüter zu beruhigen, um die Debatte über die Lage der Presse in Ungarn fest in den Raum zu stellen. Es ist jedoch wohl jene Heftigkeit, die eben Lust auf die Analyse machen sollte. In diesem Sinne sind die westeuropäischen bzw. westlichen Auffassungsfähigkeiten – die aus einer in vielerlei Hinsicht zu den postkommunistischen Gesellschaften andersartigen Mediengeschichte resultiert – leider keine große Hilfe. Die unaufhörlichen Zuckungen und Machtkämpfe innerhalb der ungarischen Presse sind in der Tat bloß eine der unmittelbaren Konsequenzen der Einrichtung eines echten kapitalistischen Dschungels in Mitteleuropa nach beinahe einem halben Jahrhundert Ostblock und der Wende von 1990. Erinnern wir übrigens diesbezüglich, dass die Einrichtung dieses wirtschaftlichen Saustalls gerade das Werk von denen ist, die heute unisono gegen die Lage der ungarischen Presse auf die Barrikaden gehen: die weiterhin völlig im Schatten Washingtons agierende führende Klasse Deutschlands und ihr französisches Pendant, dessen wirtschaftlicher und politischer Einfluss in dieser Region immer unbedeutend war, doch dessen Eleganz und die Stattlichkeit der stets ausgezeichnet angezogenen bzw. perfekt frisierten Pariser Diplomaten immer die beinahe poetische Kaution der Berlin-NATO’schen wirtschaftlichen Massenvernichtungswaffe war.

Die Geschichte der Medien in Ungarn im Laufe der 1990er Jahre – eines Jahrzehnts, das bis zur Wahlniederlage des Fidesz 2002 dauerte – läßt sich mit einem intensiven Hin und Her von gefräßigen deutschen und amerikanischen Holdings, die zwanghaft reihenweise einträgliche Verträge abschließen, um die ungarischen Bevölkerung mit liberalen Mantras zu bombardieren. Das gesamte Epos des Viktor Orbán und seiner Anhänger auf zur Wiedereroberung der Macht zwischen 2002 und 2010 bzw. dessen sehr rasche Eintragung auf die schwarze Liste der Europäischen Union ab 2012 erklären sich durch das Scheitern dieser ideologischen und mediatischen Bombardierung. Als sie 2002 in die Opposition zurückgeworfen worden waren, hatten die Anführer des Fidesz damals verstanden, dass die ehemaligen kommunistischen Eliten, die sich gerade in zweiter Ehe mit dem Sozialliberalismus verbunden hatten, durchaus die Schlüsselpositionen in den Medien besetzten. Schlimmer noch: der private Sender ATV bemühte sich für die Liberalisierung der Ungarischen Sozialistischen Partei (Magyar Socialista Párt, MSZP), was somit das Debakel jeder sozialisierenden bzw. populistischen Tendenz innerhalb der neuen Regierungskoalition durch den wachsenden Einfluß des sehr liberalen und geschäftsmacherischen Bunds Freier Demokraten (Szabad Demokraták Szövetsége, SZDSZ) vorahnen ließ. Viktor Orbán und dessen Financier Simicska – ehemaliger Schlafraumkamerad des jungen abgesetzten Ministerpräsidenten und unanständige Mischung eines von seinen Privilegien eingenommenen ungarischen Kleinmagnats, eines glänzend durchtriebenen Homo Sovieticus bzw. eines Neokapitalisten ohne Glauben und Moral: ein anthropologisches Feuerwerk für sich allein! – entscheiden also sich für diese acht Jahre dauernde Durststrecke konsequent auszurüsten. Der Fernsehkanal Hír TV wird gegründet und als konservatives Pendant zum liberalen ATV dienen. In all diesen Jahren werden die konservativen Stars von Hír TV die gleiche Botschaft artikulieren: die Linksliberalen („balliberálisok“) sind die neueste kommunistische Diktatur, es sind die gleichen, alle nach Strich und Faden korrumpiert, sie verkaufen Ungarn dem Bestbietenden und schaffen somit ein zweites Trianon. Wer die derzeitige politisch-mediatische Lager verstehen möchte, soll sich die Anstrengung antun, diese acht Jahre zu studieren bzw. deren entscheidenden Höhepunkt in der Zeit der Ereignisse von 2006 verstehen. Es ist während dieser Zeit, dass sich alles bildete, was die Besonderheit des ungarischen Mediensystems ausmacht. Ab 2003-2004 sind beinahe alle Brücken zwischen dem Fidesz und den ungarischen liberalen Kräften auf nationaler Ebene gebrochen. Seitdem ist es nur noch eine Reihenfolge gegenseitiger Anschuldigungen – vorwiegend auf dem Terrain der Korruption –, heftiger persönlicher Angriffe, während jedes Lager über die eigenen mediatischen Kriegsmaschinen verfügt; in diesem Zusammenhang sind Dialog und Austausch eine äußerste Seltenheit, da die gegenseitige Abscheu unerhört aufrichtig ist und keinen theatralischen Aspekt wie in Frankreich trägt, wo die Schänke des Palais Bourbon [Sitz der Nationalversammlung, NdR] bzw. der Verein der ehemaligen Schüler der École nationale d’administration [der französischen Beamtenkaderschmiede, NdR] den Burgfrieden ermöglichen.

Seit der Rückkehr Viktor Orbáns an die Macht 2010 ist die Ausdehnung des konservativen Medienlagers offenkundig. Als Beispiel erwähnen wir bloß die Umgestaltung des staatlichen Fernsehens, die Vernichtung der Tageszeitung Népszabadsag, die Übernahme des Medienportals Origo, die Gründung der Tageszeitung Magyar Idők – die die bisher von Magyar Nemzet gespielte Rolle übernimmt – um die Simicska-Offensive zu kontern, die nun zugunsten der regierungsnahen und bei der Opposition so in Verruf stehenden Oligarchen und Geschäftsleute Mészaros, Szeles, Vajna und Nyerges ausgeschaltet wird, die nunmehr den Kuchen der Zeitungen in der Provinz wie in der Hauptstadt gefräßig unter sich teilen. Die Opposition steht sowohl politisch wie in der Wählergunst in Fetzen da und verfügt nur noch über RTL Klub und ATV um andächtig das gleiche Motto zu skandieren: „Weniger Stadien und mehr Spitäler!“; bzw. ihr ehrgeiziges politisches Programm zu deklinieren: „Nieder mit der Korruption und mit der Diktatur!“ Diejenigen, die ernst- und gewissenhaft das heutige Ungarn verstehen wollen, haben übrigens keine andere Wahl, als sich von diesem Fernsehzirkus abzuwenden. Denn wie kann man in der Tat nicht lautstark lachen, wenn man sieht, dass die Oppositionskanäle keine anderen politischen Argumente mehr haben als eine regelmäßige Reductio ad hitlerum? Sind wir übrigens unheimlich arrogant, wenn wir ein Programm des allzu oft beschränkten Senders Echo TV ausschalten? Sind wir schließlich zu sensible Seelen, wenn wir des migrantenfeindlichen Fimmels des öffentlichen Kanals allzu satt sind? Die ungarische Radio- und Fernsehlandschaft ist die Spielwiese von ungarischen journalistischen Dinosauriern, die für manche seit Jahrzehnten auf ihren Sesseln kleben. Dort verhöhnen, rächen sich von- und beschimpfen sie einander. Zwei Medienwelten. Zwei politische Lager. Zwei Lager. Das eine stilisiert sich als Apostel der Transparenz, der Rechtlichkeit und der Ethik in der Politik, vielleicht als einen Mechanismus der Verteidigung, der ihm erlaubt, seine einstige Lage als Plünderer zu überleben. Das andere, siegestrunken wie eine verkümmerte Melone, die manchmal ernsthaft denkt, dass die Ungarn ein Volk der Elite und der Avant-Garde sind, die dazu berufen sind, Europa oder gar die gesamte Menschheit zu retten. Ein Hahnenstreit, der manchmal übrigens stilistisch ziemlich talentvoll ist, und wo der eingeweihte Fernsehzuschauer die Punkte zählt, während István Normalverbraucher sich damit begnügt, das Logo des Kanals zu erkennen, um rasch zu wissen, was gesagt wird oder nicht. Die ungarischen Radio- und Fernsehmedien sind frei jeder Hemmungen. Frei sind sie dadurch nicht. Da hat Brüssel schon recht. Wir wagen übrigens zu erklären, dass die Pressefreiheit, wie man diese im Westen darstellt, eine reine Kopfgeburt ist, wenn man sich daran hält, was in diesem gerne ungarnfeindlichen Westen geschieht. Betrachten wir also schemenhaft das Wesentlichste, indem wir ein einziges Beispiel erwähnen. Wo ist der Unterschied in der Form zwischen dem hier oben erwähnten ungarischen Quartett und den neun französischen Oligarchen, die stolz über dem französischen Medienmarkt herrschen, ohne die Emmanuel Macron für die Ewigkeit ein begabter Geschäftsbankier geblieben wäre?

Es geht keinesfalls darum, die unterschiedlichen ungarischen Fernsehkanäle zu verurteilen. Überall und ausnahmslos zeigt Fernsehen diese ärgerliche Eigenschaft, die Passivität bzw. die geistige Anästhesie des Zuschauers – des Konsumenten – hervorzurufen. Die Bedeutung, die dieses Medium angenommen hat, ist nichts Anderes als eines der Merkmale des Triumphs – der schon in den 1920er Jahren begonnen hat – des Bildes über die Schrift, sprich der nordamerikanischen über die europäische Zivilisation. Obwohl man nur sehr schwierig für alle Europäer gemeinsame Zivilisationselemente herausfiltern kann, ist die Schrifttradition sicherlich eines, das heute noch als Relikt vorhanden ist. Diesbezüglich und obwohl wir den hier oben erwähnten beinahe messianischen Charakter Ungarns ablehnen, muss man jedoch feststellen, dass die ungarische Schrifttradition eine der glänzendsten in Europa ist – ein Reichtum, dessen Ursache vielleicht in einer pathologischen Angst vor dem nationalen Verschwinden und in einem dringenden Bedürfnis zu finden ist, seine Existenz durch die Schrift zu verewigen. Obwohl in der Zeit des herrschenden Digitalen vermindert existiert dieser Reichtum weiterhin, wie die lebendigen ungarischen Printmedien davon zeugen, die weit entwickelter sind, als in anderen Ländern vergleichbarer Größe. Zu den eben zuvor erwähnenten manischen Fehlern neigend, behalten die ungarischen Online- und Printmedien trotz allem insgesamt bzw. über alle Lager hinaus eine durchaus achtenswerte Qualität. Genauso wie das ungarische Fernsehen können die ungarischen Printmedien auch nicht mehr als frei bezeichnet werden, denn sie verfügen ebenfalls über ihre Einflußnetzwerke, ihre treue zu befriedigende Leserschaft bzw. ihre persönlichen Kleinkriege. Doch zusammengenommen bilden die Organe der ungarischen Printmedien ein vielfältiges Gesamtes, wo jeder das finden kann, was er eben sucht. Wenn man von den reißerischen Erstseiten absieht – nochmals eine Konsequenz des Sieges des Bildes über die Schrift, was uns dazu führt zu meinen, dass das Bild mit dem Geld verbunden sei, während die Schrift sich davon löse – stellen die ungarischen täglich bzw. wöchentlich erscheinenden Printmedien eine gewisse Masse dar, die dem in nichts hintersteht, was in sogenanten entwickelteren Ländern angeboten wird. Das Publikum dieser Presse und ihr tatsächlicher Einfluss auf die öffentliche Meinung sollen jedoch aus mehreren Gründen relativiert werden.

Zuerst einmal, weil die Printmedien ebenfalls im Internet vorhanden sein müssen, eine zeitgenössische Pflicht, die das unheilvolle Feuer des Binge-Facebookings, des sinnlichen und inkonsistenten Slidings, des zwang- und krankhaften Klickens noch entfacht. Die „Leserschaft“ ist auch keine. Ein Haufen von Konsumenten liest nur den Titel – einen Kurztext, der selber zum Bild wird – eine ganze Armee wird ohne einen einzigen Schuß neutralisiert. Das ist das repressive und totalitäre Genie unserer Zeit! Offensichtlich verdient Herr Zuckerberg viel mehr sein braunes Hemd als Herr Orbán. Diesbezüglich bildet Ungarn keine Ausnahme, möge es den hier oben Erwähnten gefallen oder nicht: das ruhige und eifrige Lesen, das apriori kein anderes Ziel verfolge, als eine naive und unschuldige Lust zu befriedigen, betrifft eher links klassifizierte Menschen – wir betonen hier „links klassifizierte“ und nicht unbedingt „links orientierte“ Menschen! Die Leidenschaft für das Konzept, die Neigung für die unendliche Nuance, der Geschmack der klardefinierten und undendlichen Debatten sind das natürliche Element des linken Menschen. Der Bereich der Schrift ist der Tummelplatz der linksorientierten Kräfte. Die Bewegung, das Kollektive, die Verwirklichung eines beschaulichen und intellektuellen Lebens sind eine Kunst, die die linken Menschen perfekt beherrschen. Die Rechten waren diesbezüglich immer lächerlich. Lang bevor sie ihn angefangen hatten, hatten sie den kulturellen und intellektuellen Kampf schon verloren. Der rechtsgesinnte Intellektuelle neigt sehr leicht zu einem verführerischen die Vergangenheit idealisierenden Quengeln bzw. einer bewegenden Anziehung für die spätere Zukunft, falls er sich zu einer pathetischen Frömmelei gehen läßt. In dem Jetzt spricht der Rechtsgesinnte nur vom Geld, während der Linksgesinnte öfters mehr davon hat (besonders in Ungarn, obwohl der Trend gerade umgekehrt wird) und spricht nicht davon, während er lieber gelassen und stolz seine letzten literarischen Funde erwähnt.

Die ungarische Rechte hat den politischen Kampf gewonnen und behauptet sich wirtschaftlich. Ihr Diskurs über die Mängel des Liberalismus ist glasklar, ihre Kritik der Europäischen Union ist felsenfest und ihre frühzeitige Anprangerung des Skandals der Migrantentragödie wird heute von jedem kohärent und ehrlich denkenden Mensch anerkannt. Dieser – massive – politische Sieg könnte mittelfristig durch die Unhaltbarkeit von dessen sogenannten intellektuellen Persönlichkeiten bedroht werden. Letztere rechtfertigen ihr Dasein durch die Rache. Sie sind in ihrem Haß der ungarischen Linken gefangen. Statt an der Neubildung eines festen Körpers zu arbeiten, der ermöglichen würde, diesen ideologischen Sieg nachhaltig zu machen, träumen sie nur von der live Übertragung des Hängens von Ferenc Gyurcsány (der noch frei herumläuft) – oder von Bela Biszku nach dessen Auferstehung, das ist das gleiche. Jenes geträumte Bild ist dessen beliebteste Selbstbefriedigung. Die ungarische Linke besteht heute nur noch aus einem Haufen von Unfähigen, und das ist sogar ein beschönigender Ausdruck. Davon kann man genau so viel sagen wie über die ungarischen rechten „Intellektuellen“. Sie mobilisiert ihre Truppen auf Facebook und das war’s schon. Doch passen sie nur auf: die ungarische politische Linke ist zwar beinahe tot, aber ihr intellektuelles Substrat von einigen Tausenden von Menschen ist hochkultiviert, kann unverdrossen lesen und kann sich unermüdlich organisieren. Dieses Substrat bildet die wesentliche und tatsächliche Leserschaft der ungarischen Printmedien; es pflückt diese Artikel von A bis Z, denkt über sie nach, und wird jene talentvoll wiedergeben können. Die Außenschicht dieses Substrats besteht aus einer Masse von schmachvoll modebewußten Budapester Zombies, die ihren Schuß Antiorbánismus in zehn Slides auf 444.hu einnehmen, bevor sie nach London oder Berlin abfliegen. Die tiefe Schicht dieses Substrats – die über Zeit und Geld verfügt, was die befreite Lektüre erleichtert – liest die ungarische Presse mit Lust und Irritation, aber sie beherrscht sämtliche Nuancen davon. Sie weiß auch, was anderswo geschrieben wird, denn sie ist mehrheitlich mehrsprachig. Wenn es die Presse nicht gäbe, könnte sie die Antworten zu den aktuellen Fragen in ihren beeindruckenden Privatbibliotheken finden, die sich in den Wohnungen der reichen Vierteln der Hauptstadt befinden, denn paradoxalerweise ist sie durchaus konservativ, da sie eines besser begriffen hat, als die facebookisierenden rechten Intellektuellen, die nur so tun, als hätten sie verstanden: die Zeitungen gehen, aber die Bücher bleiben. Die wirklichen Leser der ungarischen Printmedien können großteils links angesiedelt werden. Diese Presse ist also sehr lebendig und zwar in einer radikal anderen Weise, wie in den Brüssler Hinterzimmern beschrieben. Doch noch einmal hat Brüssel trotzdem recht. Diese Presse ist nicht frei. Sie wird tatsächlich von einer Handvoll befreiter Leute gelesen. Mehr oder weniger intensiv befreit von finanziellen Einschränkungen und über Zeit verfügend. Ihr kurzfristiger Einfluß ist also gering. Was jedoch ihren Konsum anbelangt – sei hier daran erinnert, dass wir hier Konsum und Lektüre entgegenstellen –, so tut er nur das betonen, was davor existiert, und zwar die asymetrische Fraktur Ungarns, wo jedes Lager sich in seinem eigenen Tunnel vorkämpft: 444.hu gegen 888.hu. Selbstverständlich ohne den Inhalt beider Portale zu lesen, die beide regelmäßig ausgearbeitete und ernste Artikeln veröffentlichen.

Die an der Ausstrahlung von CNN oder BFM TV werkenden westlichen Schreiblinge, die alle Telegraphisten der ach so berühmten Impartialität sind, sollen also gut aufpassen. Die ungarische Fernsehlandschaft ist höchst kritisierbar – wie übrigens überall sonst wegen der entwürdigenden Eigenschaft des Bildes, das ihr wesentlich ist. Im ungarischen Falle neigt sie übrigens dazu, Salz auf die neuen bzw. alten und historischen Wunden dieses kleinen mitteleuropäischen Landes zu streuen. Die Printmedien – überall, wo es sie auf Erden gibt – sind nur tückische Propaganda, wenn sie bloß konsumiert werden. Methodisch gelesen und abgewogen werden sie aber beinahe nur durch eine finanziell wohlhabende intellektuelle Klasse, die vorwiegend aus anthropologisch „linken“ Leuten besteht. An dieser Regel geht auch Ungarn nicht vorbei. Der westliche mediatische Presslufthammer wird also weiter hartnäckig gegen Budapest arbeiten und über die „faschistische Diktatur“ brüllen können, wie einst der nun verstorbene John McCain. Wir wissen es ja: wie alle faschistischen Regimes des 20. Jahrhunderts reißen die Folterer des Fidesz linken Journalisten die Nägel heraus, strecken sie auf die Eisenbank, quälen sie mit dem Tuncker-Telefon, schmeissen sie vom 5. Stock herunter, murksen sie in Badewannen ab oder lassen sie in Käfigen schmoren.

Yann P. Caspar ist ein französisch-ungarischer in Budapest lebender Jurist.
Übersetzt von Visegrád Post.

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