Der ukrainische Nationalismus und dessen Dämonen aus der Vergangenheit 

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Von Sébastien Meuwissen

Polen / Ukraine – Am 1. Januar 2019 marschierten mehrere Tausende Ukrainer auf den Straßen von Kiew, Lemberg (Lwow) und Chmelnyzkyj (Westukraine) auf, um den 110. Jahrestag der Geburt Stepan Banderas zu feiern. In den letzten Jahren haben viele ähnliche Aufmärsche in der Ukraine, insbesondere im westlichen Teil des Landes, stattgefunden. Tausende junge Ukrainer nehmen an diesen Aufmärschen teil und schwenken dabei Fahnen mit dem Konterfei von Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch. Obwohl sie zur Gründung einer unabhängigen Ukraine beigetragen haben, haben beide Männer ebenfalls viele Kriegsverbrechen im Rahmen ihrer Kollaboration mit dem Dritten Reich während des Zweiten Weltkriegs begangen. Daher sind die historischen Persönlichkeiten Bandera und Schuchewytsch heute weiterhin umstritten. Von manchen werden sie als Nationalhelden empfunden, von anderen jedoch als Verbrecher.

Ein von mächtigen Nachbarn begehrtes Gebiet

Flächenmäßig ist die Ukraine das drittgrößte Land in Europa – hinter Russland und Frankreich. Der Name „Ukraine“ (Україна) wurde ursprünglich in Bezug auf das Gebiet der Kiewer Rus im 12. Jahrhundert verwendet. Im Laufe seiner Geschichte wurde dieses ausgedehnte Gebiet mehrfach erobert und von mehreren europäischen Mächten annektiert.

Im Laufe des 17. Jahrhunderts befand sich beinahe das gesamte Gebiet der heutigen Ukraine im Machtbereich des Königreichs Polen-Litauen. Später im 18. und 19. Jahrhundert sind es Österreich-Ungarn (im Westen) und Russland (in der Mitte und im Osten), die sich dieses Gebiet in Osteuropa teilen. Nach dem I. Weltkrieg erscheint Polen auf der Karte Europas zurück und bekommt die westlichsten Teile der Ukraine zurück, während die Sowjetunion den Rest des Landes unterjocht.

Der sowjetische Zusammenhang und der „Holodomor“.

Die Ukraine hat unter der sowjetischen Besatzung schrecklich gelitten. Das auffälligste Beispiel dieser schwierigen Periode ist auf jeden Fall die sowjetische Hungersnot der Jahre 1932-1933. In der Ukraine wird diese Hungersnot „Holodomor“ (ukrainisch голодомо́р, was wortwörtlich „Ausrottung durch Hunger“ heißt) genannt und als einen Massenmord angesehen, der einem Völkermord gleichkommen kann (obwohl diese Episode in zahlreichen Geschichtsbüchern ausgelassen wird).

Während eines Zeitraums von kaum anderthalb Jahr hat diese Hungersnot je nach den Quellen den Tod von sechs bis acht Millionen Menschen verursacht, davon zwei bis fünf Millionen allein in der Ukraine. Obwohl die meisten der Opfer Volksukrainer waren, waren nicht nur sie von dieser mörderischen Politik Stalins betroffen (es starben ebenfalls Hunderttausende Russen, Tataren und Kasachen).

Ein begehrtes multikulturelles Gebiet

Im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich die ethnischen, kulturellen und religiösen Spannungen in der Westukraine sehr stark zugespitzt. Gemäß einer Volkszählung aus dem Jahr 1931 bildeten die Ukrainer die Mehrheit der einheimischen Bevölkerung (64%) im westukrainischen Wolhynien. Weitere Volksgruppen waren die Polen (15,6%), die Juden (10%), die Deutschen (2,3%) bzw. weniger zahlreiche Gruppen wie Tschechen, Slowaken, Weissrussen… (1) Die vorbestehenden Spannungen zwischen diesen unterschiedlichen Volksgruppen sind während der 1930er Jahre beträchtlich geschürt worden, und führten im Laufe des Zweiten Weltkriegs zu einem regelrechten Hass.

Schon damals schien die Ukraine – zwischen der Westukraine einerseits, die einst unter polnischem bzw. österreichischem Einfluss gestanden war, und der russifizierten Ostukraine andererseits – zutiefst gespalten zu sein. In den Augen der ukrainischen Nationalisten stellten Polen und die Sowjetunion Erbfeinde der ukrainischen Nation dar, die bekämpft werden mussten, um die Gründung eines ukrainischen Staates zu ermöglichen. Und genau dieses Ziel verfolgte die 1929 gegründete Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN).

Die Strategie der OUN, um eine unabhängige Ukraine zu erreichen, schloss Gewalt und Terrorismus gegen diejenigen mit ein, die als Feinde der freien Ukraine betrachtet wurden. Unter ihnen kann man die „äußeren“ Feinde nennen – Polen und die Sowjetunion – aber auch „innere“ Feinde, sprich jeden Angehörigen einer anderen Nationalität oder jeden, der verdächtigt wurde, mit dem Feind zu kollabieren. Die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) war eine nationalistische paramilitärische Armee, die in einer Serie von Konflikten im Laufe des Zweiten Weltkriegs eingesetzt wurde. Sie bestand aus unterschiedlichen Gruppen der OUN. Die OUN und die UPA wurden jeweils von Stepan Bandera bzw. Romam Schuchewytsch angeführt.

Kollaboration mit dem Dritten Reich

Einige Jahre später begann der Zweite Weltkrieg. 1940 betrachteten viele Westukrainer das Dritte Reich als einen Partner, der ihnen helfen konnte, einen unabhängigen ukrainischen Staat zu gründen. Hitler galt sogar als Symbol der Hoffnung gegen die sowjetische Herrschaft. Die dritte Klausel der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung vom 30. Juni 1941 war entsprechend äußerst klar:

„3. Der neulich gegründete ukrainische Staat wird in enger Zusammenarbeit mit dem Nationalsozialismus in Großdeutschland, unter der Leitung dessen Führers Adolf Hitler, zusammenarbeiten, der eine neue Ordnung in Europa und in der Welt schaffen will und den Ukrainern hilft, sich von der sowjetischen Besatzung zu befreien…“ (2)

Am 28. April 1943 wird die SS-Division Galizien gegründet. Es handelt sich um eine Militäreinheit, die vorwiegend aus ukrainischstämmigen Freiwilligen aus Galizien (Westukraine) besteht. Auf Betreiben der Wehrmacht massakriert die SS-Division Galizien beinahe die gesamte jüdische Bevölkerung aus der Gegend.

Massaker in Wolhynien

Als die Juden vernichtet waren, kamen die Polen dran. Es ist hauptsächlich im westukrainischen Wolhynien, dass die polnische Minderheit massakriert wurde. Während der Zweite Weltkrieg wütet, befehlen die ukrainischen nationalistischen Führer ihren Anhängern die polnische Bevölkerung in der Gegend zu massakrieren. Hier ein Auszug aus dem Befehl der OUN vom 2. Februar 1944 an ihre Mitglieder:

„Vernichtet jede Spur des Polentums. Zerstört die katholischen Kirchen und andere polnischen Gebetsstätten (…) Zerstört die Häuser dermaßen, dass es keine Spur mehr gebe, dass jemand da gelebt habe (…) Vergesst dabei nicht, dass wenn etwas Polnisches übrigbleibt, die Polen dann kommen und unseren Heimatboden für sich beanspruchen werden.“ (3)

Die Haufen von ukrainischen Nationalisten stürzen in die Dörfer Galiziens und Wolhyniens und ermorden dort 40.000 bis 60.000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder. Niemand wird verschont. Darüber hinaus, dass sie die einheimische Bevölkerung massakrieren, setzen die Truppen Banderas Folter in einer entsetzlichen Weise ein. Obwohl es keinen Widerstand gibt, werden Zivilisten in ihren Häusern, in Schulen oder gar in Kirchen während der Messe getötet. Wie die Rote Armee es später gleich tat, wird auch Vergewaltigung weitgehend als Terrorwaffe eingesetzt.

Das Erbe und die Dämonen der Vergangenheit

Der polnische Schriftsteller Jan Zaleski sagte später: „Die Polen aus Wolhynien wurden zweimal ermordet. Das erste Mal durch das Messer und das zweite Mal durch das Schweigen“. Mit diesen Worten bezieht er sich auf die Weise, wie das Thema des Massakers in Wolhynien öfters vermieden wird, und zwar sogar öfters bis zur Leugnung seitens der Ukrainer der Gräueltaten, die dort geschehen sind. Und trotz der zahlreichen von OUN- bzw. UPA-Mitgliedern begangenen Verbrechen betrachten viele Ukrainer die Führer dieser Organisationen heute noch als Nationalhelden. Davon zeugen die zahlreichen zu Ehren von Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch errichteten Denkmäler in der Westukraine u.a. in Lemberg (Lwow), so sie regelmäßig gepflegt werden.

Am 22. Januar 2010 verlieh der damalige ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko Stepan Bandera und den einstigen UPA-Chef Roman Schuchewytsch posthum die Würde von „Helden der Ukraine“. Diese Entscheidung wurde sowohl in der ukrainischen Öffentlichkeit wie bei den polnischen und russischen Nachbarn sehr umstritten. Übrigens schiene es, dass die Demonstrationen des „Euromaidan“ 2014 zur Schaffung eines regelrechten Mythos um diese beiden zumindest zwiespältigen Persönlichkeiten beigetragen hätten.

Der bewaffnete Konflikt, der weiterhin im ostukrainischen Donbass zwischen der ukrainischen Armee und den von Moskau unterstützten Separatisten wütet, hat schon mehr als 10.000 Opfer gefordert (Mitte November 2017, lt. der UNO). In diesem Zusammenhang erscheint Polen wie ein logischer Verbündeter gegen den drohenden russischen Nachbarn. Und in der Tat hat dieser Konflikt dazu beigetragen, die beiden Länder näherzubringen (über eine Million Ukrainer sind seit 2014 nach Polen ausgewandert). Allerdings bleibt die Ukraine auf dem geopolitischen Schachbrett Europas ziemlich alleine da. Ein offizielles Entschuldigen seitens der ukrainischen Führung für die in Galizien und Wolhynien begangenen Verbrechen könnten einen ermutigenden ersten Schritt darstellen, um die diplomatischen Beziehungen zwischen der Ukraine und deren Nachbarn zu verbessern.


Übersetzt von Visegrad Post.

(1) http://volhyniamassacre.eu/zw2/history/175,Ukrainians-in-Interwar-Poland-1918-1939.html

(2) MOTYKA, Grzegorz, Od rzezi wołyńskiej do akcji Wisła, pp.123-129.

(3) WOŁCZAŃSKI, Józef, Eksterminacja Narodu Polskiego i Kościoła Rzymskokatolickiego przez ukraińskich nacjonalistów w Małopolsce Wschodniej w latach 1939–1945.

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