Andrzej Krzystyniak: „Deutscher Geschichtsrevisionismus im polnischen Oberschlesien“

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Interview: Deutscher Geschichtsrevisionismus im polnischen Oberschlesien 

Indem es autonomistische und separatistische Stiftungen und Vereine sowie die Antreiber einer geschichtsrevisionistischen Politik unterstützt, bzw. durch Regionalzeitungen, deren Kapital sich in deutscher Hand befindet, schwächt Berlin die Einheit Polens.

Indem sie die Woiwodschaft mit der Bewegung für die Autonomie Schlesiens (Ruch Autonomii Śląska, RAŚ) regierte und indem sie ihr seit Jahren die kulturellen Angelegenheiten anvertrauten, haben sich die Liberalen von Donald Tusks Bürgerplattform zu den Komplizen dieses neuen und dezentralisierten, „sanften“ Kulturkampfs gemacht, den Deutschland in Schlesien führt, während Deutschland und Polen beide Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der NATO sind.

Interview mit dem Historiker und Essayisten Andrzej Krzystyniak von der Stiftung Ślązacy.pl

Interview geführt von Olivier Bault.

Olivier Bault: Sie sind der Urheber einer von der Stiftung Ślązacy.pl organisierten Ausstellung über die Ausrottung der polnischen Eliten in Oberschlesien im September 1939. Werden die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs und die deutsche Okkupation Oberschlesiens heutzutage nicht etwa durch das in Schlesien vorhandene Narrativ verdrängt, das den polnischen Staat wie ein Aggressor oder sogar einen „Besatzer“ vorstellt, der nach 1945 die „multikulturelle“ Eigenschaft Schlesiens zerstört hätte?

Andrzej Krzystyniak: Dieses Narrativ ist schon seit langem wahrnehmbar. Ich denke, dass dies nicht nur Schlesien, sondern sämtliche wiedergewonnene Gebiete betrifft [NB: die 1945 Polen zugesprochenen deutschen Gebiete werden in Polen „wiedergewonnene Gebiete“ genannt, weil sie im großen und ganzen einige Jahrhunderte früher dem Königreich Polen gehört hatten, NdR]. Seit dem Anfang der 1990er Jahre hat Polen aufgehört, sich um die kulturelle Bewahrung des Polentums in diesen infolge der von den drei Siegermächten getroffenen Entscheidungen Polen zugesprochenen Regionen zu kümmern. Was in Oberschlesien ab 1939 geschehen ist – die gegen die Vertreter der polnischen Elite verübten Verfolgungen und Massaker – wird heute durch die Ereignisse der „Oberschlesischen Tragödie“ verdeckt. Ich denke hier an die nach dem Einmarsch der Roten Armee in Polen und der Errichtung der kommunistischen Macht stattgefundenen Verfolgungen. Man vergisst allerdings öfter, dass es ohne den deutschen Angriff, der 1939 den Zweiten Weltkrieg ausbrechen ließ, keine „Oberschlesische Tragödie“ gegeben hätte. Die deutschen Kreise nennen die nach 1945 stattgefundenen Ereignisse die „Tragödie des deutschen Ostens“. Seit einigen Jahren merkt man jedoch eine Umkehr dieser für Polen ungünstigen Tendenz. Vor einigen Wochen hat Innenminister Joachim Brudziński anlässlich einer Gedenkfeier zu Ehren der polnischen Soldaten, die die Überquerung der Oder erkämpften, ganz deutlich die Heldenhaftigkeit der polnischen Soldaten in ihrem Kampf gegen den Besatzer bzw. das Polentum der wiedergewonnenen Gebiete betont: „Wir dürfen niemals das vergossene Blut bzw. das Opfer der polnischen Soldaten vergessen; wir dürfen niemals vergessen, dass es hier Polen ist, dass dieses Stück der „Durchlautigsten Republik“ [Die alte die beiden Nationen Polen und Litauen vereinigende Republik wurde Najjaśniejsza Rzeczpospolita genannt und dieser Name wird manchmal verwendet, um die heutige III. polnische Republik zu bezeichnen, NdR] durch das Blutzoll der polnischen Soldaten, der polnischen Helden, geheiligt wurde.“ Das sind sehr wichtige Worte, die da von einem Minister einer polnischen Regierung gesprochen wurden.

Olivier Bault: Am Anfang haben Sie gesagt, dass Polen aufgehört hatte, auf die kulturelle Bewahrung des Polentums der wiedergewonnenen Gebiete zu achten. Wieso das?

Andrzej Krzystyniak: Man braucht nicht besonders scharfsinnig bzw. ein scharfer Beobachter zu sein, um diese Schlussfolgerung zu ziehen. Seit dem Anfang der 1990er Jahre werden Schlesien und die wiedergewonnenen Gebiete kulturell von Polen getrennt. Dort läuft gerade ein Tilgungsprozess des Polentums durch. Die polnischen wissenschaftlichen Anstalt, die die Geschichte dieser Gebiete forschten, sind verschwunden. Es erscheint beinahe keine Publikation mehr und die Geschichte der schlesischen Aufstände wird heute unter der Form eines „Bürgerkriegs“ bzw. als polnische Aggression dargestellt, um einen Teil des deutschen Staatsgebiets zu trennen. Hat der polnische Staat gehandelt, um solche Phänomene abzuwehren? Nein, und im Gegenteil sogar gab er den Eindruck, sie zu unterstützen. Die Verteidiger der polnischen Staatsräson mussten allein handeln, ohne Unterstützung, indem sie sich den Angriffen einer Presse aussetzten, die bloß vom Namen her polnisch ist. Dieser seltsame Widerspruch hat sich bis heute nicht verändert. Die Regionalpresse bleibt in fremder Hand [von 24 regionalen Tageszeitungen in Polen gehören 19 der deutschen Verlagsgruppe Passau, NdR]. Außerdem sind zahlreiche Kreise, Stiftungen und Vereine in Schlesien aktiv, die das Polentum von der kulturellen Karte zu tilgen versuchen: ein Teil agiert unter dem Vorwand des Multikulturalismus, ein Teil ist offen polenfeindlich und deutschfreundlich, wie die Bewegung für die Autonomie Schlesiens (Ruch Autonomii Śląska, RAŚ). Bis vor kurzem war die RAŚ zusammen mit der Bürgerplattform (PO) an der Regierung der Woiwodschaft Oberschlesien beteiligt, wo sie mit der Aufsicht der kulturellen Anstalten betraut war. Glücklicherweise haben die Separatisten bei den letzten Wahlen [Regional- und Gemeindewahlen vom vergangenen Herbst, NdR] eine Niederlage erfahren. Ich bin überzeugt, dass die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (Prawo i Sprawiedliwość, PiS), die heute an der Macht ist [auf nationaler Ebene bzw. in Oberschlesien, NdR], dieser für Polen ungünstigen Entwicklung ein Ende setzen wird.

Olivier Bault: Sie stellen Oberschlesien – und allgemein die wiedergewonnenen Gebiete – als Regionen dar, die von fremden Beeinflussungen bedroht werden, die dem polnischen Staat feindlich gesinnt sind und die versuchen, die polnische Eigenschaft Oberschlesiens zu schwächen.

Andrzej Krzystyniak: Oberschlesien ist immer ein Kerngebiet Polens gewesen. Dieses Gebiet, das ein gewaltiges Industriepotential besitzt, war vor und nach dem Krieg für die Entwicklung unseres Landes unentbehrlich. Es war das Herz der polnischen Industrie. Sogar heute nach dem Zusammenbruch ihrer Industrie behält diese Region ein sehr starkes wirtschaftliches und demographisches Potential. Wenn jemand Polen schwächen will, dann fängt er bei Oberschlesien an. Polen darf nicht erlauben, dass das kulturelle Polentum in Oberschlesien getilgt werde, wie unterschiedliche Kreise dies wünschen würden. Jahrhundertelang war Schlesien außerhalb der Grenzen des polnischen Staates geblieben, was als Beweis hergeholt wird, um zu beweisen, dass Polen nur der provisorische Verwahrer dieses Gebiets wäre. Es fällt einem schwer den deutschen Einfluss und die Tatsache zu übersehen, dass der deutsche Staat in Schlesien diejenigen unterstützt, die eine deutsche Vision der Geschichte propagieren. Es handelt sich dabei nicht nur um die Regionalpresse sondern auch um Stiftungen, Vereine und sympathisierende Historiker usw. Es ist ja zu diesem Zweck, dass die Thesen über polnische Konzentrationslager nach 1945 vorgeschoben werden. Man spricht sogar von einer „ethnischen Säuberung“, die der polnische Staat gegen die ethnischen Minderheiten geführt hätte, einschließlich gegen die Schlesier, nachdem er die Kontrolle der Verwaltung der wiedergewonnenen Gebiete übernommen hat. Das ehem. kommunistische Arbeitslager in Eintrachtshütte (Zgoda), einem Stadtteil von Schwientochlowitz (Świętochłowice) wird heutzutage von manchen als „polnisches Konzentrationslager“ dargestellt. Die Aufstände in Oberschlesien werden „Bürgerkrieg“ genannt und die Wiedergewinnung eines Teils Oberschlesiens in 1922 als „absurde Teilung“ bezeichnet. All diese Handlungen fügen dem polnischen Staat erheblichen Schaden zu.

Olivier Bault: Wie sieht es heute mit dem Gedenken der Helden des Kampfes für Polen bzw. mit der Erinnerung an diese Menschen aus, denen man die Rückkehr Oberschlesiens an Polen 1922? Ist das Gedenken genügend, um dieses feindliche Narrativ zu kontern?

Andrzej Krzystyniak: Die schlesischen Aufständischen werden meiner Meinung nach zu selten erwähnt. Man kann die gesamte Geschichte Oberschlesiens mit dem Schicksal dieser Aufständischen, mit ihrer Laufbahn und mit dem Los ihrer Familien zusammenfassen. Es handelt sich dabei nicht nur um die Aufstände [von 1919-1921, NdR] sondern auch um die Zwischenkriegszeit und um September 1939, als die Aufständischen erneut zu den Waffen griffen, um den deutschen Aggressor zu empfangen und auf ihn zu schießen, um ihm klarzumachen, dass diese oberschlesische Erde, diese polnische Erde ihm nicht gehört. Es ist eine unbequeme Tatsache für viele Leute, die dies lieber vergessen würden. Man soll daran erinnern, dass die Deutschen – lange Zeit vor ihrer Aggression – Listen von zu liquidierenden Personen vorbereitet hatten. In vorderster Reihe auf diesen Listen standen die ehemaligen schlesischen Aufständischen. Mit der Stiftung Ślązacy.pl versuchen wir den Opfern der deutschen Handlungen zum Ziele der Ausrottung zu gedenken, und zwar mit einer Ausstellung, die wir im Januar 2018 im Sejm-Gebäude vorgestellt haben. Diese Ausstellung zeigt deutlich den bedeutenden Anteil der ehemaligen Aufständischen Oberschlesiens unter den Personen, die die Deutschen zu eliminieren vorhatten. Nun werden diese Aufständischen heutzutagedazu verurteilt, in Vergessenheit zu geraten. Und das Schlimmste ist, dass dies von eigenen Landsleuten betrieben wird, die vom Ausland beeinflusst werden.


 

Übersetzt von Visegrád Post.